Mammakarzinom: BRCA-Testung ist nicht alles

Autor: Birgit-Kristin Pohlmann

Es stellt sich die Frage, wie Niedrigrisiko-Gene zu bewerten sind. © iStock/Tetiana Lazunova

Das metastasierte Mammakarzinom mit BRCA-Keimbahnmutation kann mittlerweile mit einem PARP-Hemmer behandelt werden. Damit rückt die BRCA-Testung weiter in den Fokus. Aber auch die Rolle anderer Mutationen sollte man nicht außer Acht lassen.

Voraussetzung für den Einsatz eines PARP-Hemmers ist ein metastasiertes oder lokal fortgeschrittenes HER2-negatives Mammakarzinom bei Patientinnen mit einer BRCA1/2-Keimbahnmutation (gBRCA1/2). Die Betroffenen sollten bereits eine anthrazyklin/taxan-basierte Chemotherapie erhalten haben und bei positivem Hormonrezeptor-Status endokrin vorbehandelt sein, erläuterte Privatdozentin Dr. Kerstin Rhiem, Zentrum Familiärer Brust- und Eierstockkrebs, Universitätsklinik Köln.

Risikogene häufig an DNA-Reparatur beteiligt

Derzeit bestehe nicht nur in Deutschland hinsichtlich der BRCA-Testung eine Unterversorgung, betonte Dr. Rhiem. Vielen Frauen werde die Testung nicht angeboten, obwohl sie die Kriterien erfüllten, die vom Deutschen Konsortium für Familiären Brust- und Eierstockkrebs festgelegt wurden. Ein weiteres Problem: Bislang ist kein effizienter HRD*-Test verfügbar und für Mutationen in weiteren sogenannten Hochrisiko(HR)-Genen gibt es noch keine therapeutischen Optionen.

Neben den HR-Genen BRCA1/2 werden verschiedene Risikogene für erbliche Krebserkrankungen diskutiert. Fast alle haben eine Funktion bei der Reparatur von DNA-Schäden oder bei der Kontrolle der Zellteilung. Die Tumorspektren variieren von Gen zu Gen und Penetranzen, histologische Subtypen sowie das durchschnittliche Erkrankungsalter sind von Gen zu Gen unterschiedlich. „Wir müssen klinische Protokolle auflegen und diese Dinge untersuchen und dokumentieren“, forderte die Expertin. Bei Familienangehörigen einer gBRCA-Mutationsträgerin sei es daher möglicherweise wichtig, sich auch andere Risikogene anzusehen. Grundsätzlich ist eine Gentestung aber nur sinnvoll, wenn sich daraus klinische Konsequenzen ableiten lassen.

Zu beachten sei, dass die DNA-Reparaturgene untereinander interagieren und dass es neben den HR-Genen auch moderate Risikogene und eine Fülle an Niedrigrisiko-Genen gibt, „von denen wir annehmen, dass sie das Risiko einer Mutationsträgerin modifizieren“, betonte Dr. Rhiem. Niedrigrisiko-Gene werden bei etwa 40 % der Bevölkerung vermutet. Damit stellt sich die Frage, wie mit diesen Varianten umgegangen wird und wie sie zu bewerten sind. Je nach genetischer Konstellation könne das Risiko einer Mutationsträgerin, eine Tumorerkrankung zu entwickeln, deutlich variieren.

Umwelt und Lebensstil tragen zum Risiko bei

Des Weiteren gibt es Hinweise auf nicht-genetische, risikomodifizierende Faktoren. So kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Lebenszeitrisiko einer Mutationsträgerin, eine Tumorerkrankung zu entwickeln, auch vom Lebensstil und von Umweltfaktoren abhängt. Untersuchungen zeigen Schwankungen von bis zu 20 %, erläuterte die Referentin. „Wir gehen davon aus, dass das Mammakarzinom eine multifaktorielle Erkrankung ist, bei der mehrere Gene und/oder verschiedene exogene Faktoren eine Rolle spielen.“ Möglicherweise sei es wichtig, auch bei Mutationsträgerinnen von Niedrigrisiko-Varianten die individuelle Risikokonstellation vor dem Hintergrund multiplikativer Effekte zu definieren. 

* homologous recombination deficiency

Quelle: 39. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie