Nebenwirkung Inzidentalom: Ärzte müssen mit Patienten die Risiken bildgebender Verfahren besprechen

Autor: Michael Brendler

Bei Computertomographien des Brustkorbs und des Dickdarms findet sich auf jeder dritten Aufnahme ein Zufallsbefund. © iStock/Morsa Images

Zufallsbefunde in der bildgebenden Diagnostik können Arzt und Patient gehörig verunsichern. Handelt es sich um ein Inzidentalom ohne Krankheitswert oder um einen lebensgefährlichen Tumor? Eine britische Forschergruppe hat das Ausmaß des Problems errechnet.

VOMIT, victims of modern imaging technology, taufte das British Medical Journal vor 15 Jahren die Patienten, bei denen ein harmloser Zufallsbefund im Röntgen, CT oder MRT einen medizinischen Fehl­alarm auslöst, schreibt Dr. Thomas C. Booth von der Neuroradiologie am Londoner King’s College Hospital. Seitdem hat die Zahl der Opfer von Überdiagnose und Übertherapie deutlich zugenommen.

Für Jack O’Sullivan vom Zentrum für evidenzbasierte Medizin der Universität Oxford und seine Kollegen hat das Problem die Dimension einer Krise der modernen Medizin erreicht: Die rasant steigende Nachfrage nach bildgebender Diagnostik hat gekoppelt mit den verbesserten technischen Möglichkeiten die Zahl der Inzidentalome in die Höhe schießen lassen.

Bei Mammographien erweisen sich 42 % der Funde als maligne

Unter dem Begriff Inzidentalom werden Befunde zusammengefasst, die bei gesunden, asymptomatischen Patienten zufällig in der Bildgebung auftauchen oder bei symptomatischen Patienten entdeckt werden, ohne dass sie einen Bezug zum abgeklärten Gesundheitsproblem haben.

Inzidentalome können dem Betroffenen Angst einjagen und sie führen nicht selten zu zusätzlichen Untersuchungen und zu Übertherapie, warnen Jack O’Sullivan und seine Kollegen. Solche Befunde stellen den Arzt aber auch noch vor eine andere Schwierigkeit: Eigentlich ist er angehalten, seine Patienten auf das Risiko solcher Zufallsbefunde hinzuweisen.

Aber das ist schwierig, wenn genaue Daten fehlen, die diese Gefahr quantifizieren könnten. Angesichts eines Mangels an Studien, die hier weiterhelfen könnten, hat das Forscherteam um Jack O‘Sullivan nun versucht, durch die Auswertung sys­tematischer Studien-Reviews selbst einen Überblick zu gewinnen.

Das Ergebnis: Die Bedeutung und Häufigkeit von Inzidentalomen schwankt massiv je nach bildgebenden Verfahren und Organ. Bei Computertomographien des Brustkorbs, des Dickdarms und bei kardialen MRT-Bildern findet sich z.B. auf jeder dritten Aufnahme ein solcher Zufallsbefund. Auf Platz zwei folgen Kernspinuntersuchungen von Wirbelsäule und Gehirn, hier sind es immer noch 22 % Inzidentalome.

Bei Mammographien wiederum führt der Zufall besonders häufig zu wichtigen Befunden. Im Schnitt in 42 % der Fälle entpuppt sich das Inzidentalom in der Brust als bösartiges Geschwür. Bei Aufnahmen von Gehirn, Ohrspeicheldrüse und Nebenniere ist das gerade mal bei jedem Zwanzigsten der Fall. Dazwischen bewegen sich Prostata und Dickdarm mit einer Malignitätsquote von 10–20 %, außerdem Niere, Schilddrüse und Eierstock mit 25 %.

„Wir müssen beginnen umzudenken“

„Wenn für uns Ärzte weiterhin an ers­ter Stelle der Grundsatz steht, dem Patienten keinen Schaden zuzufügen, dann müssen wir beginnen umzudenken“, kommentiert Dr. Thomas C. Booth diese Ergebnisse. Auch moderne bildgebende Verfahren hätten ihre Nebenwirkungen, darunter die unerwarteten Zufallsbefunde. „Es ist deshalb Teil unseres Jobs, sich vor einer solchen Untersuchung gemeinsam mit dem Patienten auch mit diesen Risiken auseinander­zusetzen.“

Quellen:
1. O’Sullivan JW et al. BMJ 2018; 361: k2387
2. Booth TC. BMJ 2018; 361: k2611