Neophyten: Ambrosia-Gefahr wird unterschätzt

Autor: Dr. Sascha Bock

Ambrosia artemisiifolia verfügt über ein sehr effektives System, ihre Pollen zu verbreiten. Daher ist die Pollenlast durch die Pflanze besonders hoch. © iStock/Oskanov; cellimagelibrary.org

Mit den Neophyten – also ursprünglich nicht in einem Gebiet heimischen Pflanzen – kommen die Pollen. Und mehr Pollen bedeuten mehr Sensibilisierungen samt Allergien. Der gefährlichste Vertreter in Deutschland heißt Beifuß-Ambrosie. Noch bleibt Zeit, sie zu bekämpfen. Noch.

Allergische Erkrankungen sind insgesamt auf dem Vormarsch. Etwa 45 % der 18- bis 29-Jährigen in Deutschland haben Antikörper gegen Aero- und Nahrungsmittelallergene, sagte Professor Dr. Jeroen Buters vom Zentrum für Allergie und Umwelt in München. „Und es geht immer weiter“, so seine Prognose. In Singapur beispielsweise liegt die Sensibilisierungsrate schon bei 85 %. Dort gelten Hausstaubmilben als die Hauptübeltäter.

Ein zunehmendes Problem entsteht durch Ambrosia artemisiifolia. Eine einzige Pflanze des Beifußblättrigen Traubenkrauts produziert unglaublich viele Pollen. Europaweit wächst es besonders stark in Ungarn und im Po-Delta. Nach Deutschland hat Ambrosia ihren Weg über den Süden gefunden (Region Freiburg), vor allem aber über die östliche Route Richtung Potsdam.

Modellrechnungen, die u.a. Vorkommen und klimatische Bedingungen berücksichtigen, zeigen: Ohne Gegenmaßnahmen ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Beifuß-Ambrosie in großen Teilen der Bundesrepublik breitmacht. Doch die Vermehrung lässt sich stoppen, erklärte Prof. Buters. Man muss es nur wollen, wie der Vergleich zweier Städte an der italienisch-schweizerischen Grenze zeigt.

Lugano im Kanton Tessin und Legnano bei Mailand liegen Luftlinie gerade einmal 46 km auseinander. Der Unterschied: In der Schweiz gibt es ein sehr effizientes Programm zur Ambrosiabekämpfung. Italien hingegen ließ das Kraut sprießen – und bekommt jetzt die Quittung. Während die Pollenbelastung in Lugano in den letzten 25 Jahren stabil niedrig blieb, stiegen die Messwerte auf italienischer Seite Mitte der 1990er-Jahre deutlich an.

Bis es durch den zunehmenden­ Pollenflug tatsächlich zu einer Sensibilisierung bzw. einer Allergie kommt, können allerdings 3–15 Jahre vergehen. So wiesen 2002 ca. 25 % der Atopiker, die sich im Krankenhaus in Legnano vorstellten, Antikörper gegen Ambrosia auf, 2009 waren es bereits 70 %. Aktuelle Daten sprechen gar von 90 %. Die meisten Betroffenen litten während der klassischen Blütezeit unter respiratorischen Beschwerden. „Wegen dieser Latenzphase unterschätzen viele Leute die Pflanze“, warnte Prof. Buters. Das müsse man auch Politikern klar­machen.

Bayern ist Spitzenreiter, Rheinland-Pfalz Schlusslicht

Je nach Bundesland wird zurzeit mehr oder weniger intensiv gegen die Ausbreitung vorgegangen. Bayern setzt Strategien wie Infoveranstaltungen, Forschung und Erfolgskontrollen am besten um, Rheinland-Pfalz ist Schlusslicht (Stand 2013). Immerhin existieren zahlreiche Meldestellen und Bestandsregister. Eine Meldepflicht wie in der Schweiz fehlt jedoch. Die Pflanze gedeiht vorwiegend noch sporadisch. Das belegen Pollenflugdaten aus dem Jahr 2015. Allerdings sieht es laut dieser Erfassung danach aus, „dass in Cottbus die Schlacht verloren ist“, meinte der Referent und ergänzte: „Da kriegen Sie Ambrosia nicht mehr weg.“

Andere Neophyten braucht man derweil weniger zu fürchten. Viele Zierpflanzen beispielsweise verteilen ihre Pollen nicht selbstständig. Sogar der Bärenklau, der nach Hautkontakt phototoxische Reaktionen auslösen kann, reiht sich weit hinter Ambrosia ein. Um sich der Allergiegefahr, die von manch einem Gewächs ausgeht, bewusst zu werden, lohnt wieder ein Blick in die Schweiz.

Im Städtchen Buchs zieren viele Purpurerlen, botanisch Alnus spaethii genannt, die Hauptstraße. Nun tragen diese Bäume aber sibirische Gene in sich. Da der Schweizer Winter seinerseits klimatisch dem sibirischen Frühling entspricht, schneit es dort an Weihnachten Pollen, erklärte Prof. Buters. Eine Studie bestätigte, dass 2006 deutlich mehr der Kinder, die die Straße in Buchs auf ihrem Schulweg regelmäßig passieren, Antikörper gegen Alnus hatten als noch 20 Jahre zuvor.

Warum die Kirschen in Deutschland so teuer sind

Größere Probleme als allergene Ambrosiapollen bereiten Neozoen wie eingeschleppte Insekten. „Pflanzen sind nicht so schnell, Tiere sind viel schneller“, betonte Prof. Buters. Der asiatische Laubholzbockkäfer etwa kann bei starkem Befall ganze Bäume zum Absterben bringen. Die kälteresistente japanische Buschmücke überträgt das West-Nil-Virus.

Ein weiterer Störenfried befällt neben Weintrauben gerne Kirschen, weshalb er passenderweise Kirschessigfliege heißt. 2011 gelangte sie erstmals nach Deutschland, seit 2014 findet man sie nahezu flächendeckend. Im Gegensatz zu anderen Fruchtfliegen kann sie intaktes Obst quasi ansägen, um ihre Eier hineinzulegen. Die Larven schlüpfen bereits nach zwei Tagen und fressen sich durch das Fleisch. Die Folgen spürt jeder Kirschliebhaber an der Supermarktkasse, weiß Prof. Buters. Denn wegen des Schädlings sei dieses Obst hierzulande so teuer.

Stadtverwaltungen „ist das Allergiepotenzial oft wurst“

Um vergleichbaren Szenarien in Deutschland vorzubeugen, haben Experten z.B. für Berlin eine Liste mit Baum- und Straucharten erstellt, die sich aus allergologischer Sicht zur Neuanpflanzung eignen. Doch den Stadtverwaltungen „ist das Allergiepotenzial oft wurst“, so die Erfahrung des Referenten, der selbst mit den städtischen Angestellten redet. Für sie dominieren andere Argumente. Man wünsche sich schöne Pflanzen und Bäume, die gut wachsen und nicht eingehen. Bleibt also noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn zumindest für Ambrosia gilt: „Wenn man die Pflanze nicht bekämpft, kommen die Probleme von selbst.“

Quelle: Kongressbericht, 13. Deutscher Allergiekongress