Diabulimie: Insulin-Purging aufspüren, ansprechen und behandeln

Autor: Dr. Kerstin Tillmann

Ein gestörtes Selbstbild kann zu Insulin-Purging führen. © iStock.com/AndreyPopov

Essstörungen und Typ-1-Diabetes treten gehäuft gemeinsam auf. Besonders schwierig zu erkennen ist die Diabulimie, Hinweis kann jedoch eine unerwartet schlechte Diabeteseinstellung sein. Psychiater und Ernährungsmediziner Professor Dr. Thomas Huber beleuchtete im Gespräch mit der diabetes zeitung die Hintergründe der Erkrankung und erklärte, welche Patienten man genau im Blick haben sollte.

Liegt bereits ein Typ-1-Diabetes vor, sind Patienten besonders gefährdet, eine Essstörung zu entwickeln – ihr Risiko gilt als doppelt so hoch wie das der Gesamtbevölkerung. Betroffen von Diabulimie sind insbesondere Patientinnen in der Adoleszenz oder im jungen Erwachsenenalter, die sich stark um ihr Gewicht und ihre Figur sorgen – junge Männer scheinen weniger anfällig.

In der Regel entsteht die Essstörung, nachdem die Diabeteserkrankung diagnostiziert wurde. Die Patienten verlieren plötzlich eine gewisse Selbstverständlichkeit für die Nahrungsaufnahme – sie müssen regelmäßig essen und den Blutzucker kontrollieren, dazu zählen und berechnen, wie viel sie essen.

Das Risiko, eine Essstörung zu entwickeln steigt insgesamt, wenn sich jemand viel mit Essen und Bewegung auseinandersetzt.

Diabetes ist nicht das einzige Risiko

Neben diabetesspezifischen Aspekten gibt es auch weitere Faktoren, die das Risiko erhöhen, eine Essstörung zu entwickeln:

  • negatives Selbstbild und Selbstwertgefühl,
  • wählerisches Essverhalten,
  • Essstörungen in der Familie,
  • Schwangerschaftskomplikationen,
  • psychosoziale Aspekte (Adoptiv- oder Pflegekinder, Missbrauchsfälle),
  • Fütterstörung im Kleinkindalter,
  • bestimmte Berufsgruppen, wie Bereiche, in denen es um Ästhetik und/oder Gewicht geht, wie Models, Schauspielerinnen, Ballettänzerinnen, Turnerinnen oder Jockeys.

Diabetestherapie fördert die Entwicklung von Essstörungen

Zudem führt die Diabeteserkrankung zunächst zu einem Gewichtsverlust. Nach der Diagnose nehmen die Patienten dann im Rahmen der Insulinbehandlung deutlich zu – in Studien bis zu 7 kg. In einer vulnerablen Lebensphase kann das überfordern und sich ein gestörtes Körperschema entwickeln. Generell gilt die Pubertät als Risikophase, in der oftmals die ersten Symptome einer Essstörung auftreten. Wenn die Pubertät sehr früh einsetzt, gilt dies als zusätzlicher Risikofaktor.

Allgemein ist die Bulimie geprägt von sogenannten gegenregulatorischen Maßnahmen zur Gewichtskontrolle. Diese werden unterteilt in „purging“ (Englisch für reinigend) und „nicht-purging“. Mit purging werden Maßnahmen beschrieben, die dazu führen, dass etwas den Körper verlässt, also beispielsweise durch Erbrechen oder den Gebrauch von Abführmitteln oder Entwässerungstabletten. Zu Nicht-Purging-Verhaltensweisen gehören die Einnahme von Appetitzüglern, restriktives Essen oder exzessiver Sport.

Patienten mit Typ-1-Diabetes steht aufgrund ihrer Erkrankung eine weitere Methode zur Gewichtskon­trolle zur Verfügung: das sogenannte „Insulin-Purging“. Hier spritzen sich Patienten – in der Regel abends – bewusst weniger Insulin, als sie eigentlich benötigen; oder sie lassen es ganz aus. Durch die geringere Insulindosis steigt der Blutzucker und die überschüssigen Kohlenhydrate werden vermehrt über die Nieren abgegeben, weshalb man auch von renaler Bulimie spricht. Der Preis sind stark belastete Nieren, ein schlecht eingestellter Blutzucker und das Risiko schwerer Ketoazidosen.

Da dieses Verhalten nur bei Diabetes auftritt, wird dies auch als Diabulimie bezeichnet. Prinzipiell handelt es sich jedoch um eine sehr ähnliche Erkrankung wie bei Patienten ohne Diabetes: Es kommt zu Ess­attacken und gegenregulatorischen Maßnahmen.

Screeningtools im Vergleich

Der gebräuchlichste Fragebogen zur Aufdeckung von Essstörungen ist der EAT(Eating Attitude Test)-26, der mit seinen 26 Fragen zwar zeitaufwendig ist, aber auch als Selbsttest im Internet durchgeführt werden kann. Allerdings ist dieser Fragebogen allgemein für Essstörungen konzipiert.

Als diabetesspezifischer Fragebogen steht der DEPS-R (Diabetes Eating Problem Survey-Revised) zur Verfügung. Dieser wurde in einer Fragebogenstudie stichprobenartig in sechs pädiatrischen Diabeteszentren geprüft und die Ergebnisse mit denen aus der KiGGS-Studie verglichen, in der der SCOFF(Sick, Control, One stone, Fat, Food)-Fragebogen genutzt wurde. Hier war der DEPS-R deutlicher mit der Qualität der Stoffwechseleinstellung assoziiert als der SCOFF.

Diabulimie von außen kaum zu erkennen

Erbrechen die Patienten sich zusätzlich, können ein schlechter Zustand der Zähne oder eine Parotisschwellung Anzeichen für eine Bulimie sein. Findet jedoch nur ein Insulin-Purging statt, können schlechte Blutzuckerparameter ein Hinweis sein – insbesondere bei Patienten, von denen man eigentlich eine gute Einstellung erwartet. Diabulimie ist ein heimliche, schambehaftete Erkrankung, von der Angehörige und Freunde meist nichts wissen, auf den ersten Blick scheint auch aus ärztlicher Sicht alles in Ordnung zu sein. Daher wird gerade bei jungen Frauen mit Diabetes Typ 1 empfohlen, routinemäßig nach Essstörungen zu fragen. Die Betroffenen sind sich ihres Verhaltens bewusst – man muss daher eine Situation schaffen, in der die Patienten davon erzählen.

Ängste bewältigen und Insulin­therapie wieder befolgen

Angesprochen werden kann je nach Situation zum Beispiel ganz konkret, ob es zu Ess­attacken kommt, wie die Patienten ihre Attraktivität empfinden oder ob der Drang besteht, abzunehmen. Es gibt jedoch auch Screeningtools.

Die Behandlung unterscheidet sich kaum von der bei Patienten ohne Diabetes: Ziel ist es, Ängste zu reduzieren, die Patienten wieder an eine gesunde Ernährung heranzuführen, Auslöser zu identifizieren und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Bei Typ-1-Diabetes kommt es zusätzlich darauf an, dass sie ihren Blutzucker wieder gut einstellen. Inwieweit hier die Zusammenarbeit mit einem Diabetologen oder einer Diabetologin notwendig ist, hängt vom Einzelfall ab. Patienten mit langjährigem Typ-1-Diabetes wissen meist, wie sie ihren Blutzucker einzustellen haben. Bei Neudia­gnosen sind jedoch Schulungen und eine intensivere diabetologische Betreuung sinnvoll. Da Insulin anabol wirkt, müssen bei der Behandlung die Ängste vor einer Gewichtszunahme berücksichtigt werden, um nicht gegeneinander zu arbeiten.

Hohes Risiko für früh einsetzende Komplikationen

Die meist jungen Patienten leiden (noch) nicht unter den Spätfolgen des Insulin-Purgings und der dementsprechend schlechten Blutzucker­einstellung. Dieses Thema muss jedoch angesprochen werden, denn bei Patienten mit Typ-1-Diabetes treten Komplikationen des Diabetes wie Retinopathie, Nephropathie, Neuropathie oder kardiovaskuläre Folgeerkrankungen merklich früher ein, wenn sie zusätzlich an einer Essstörung leiden.


Prof. Dr. Thomas J. Huber; Klinik am Korso gGmbH, Bad Oeynhausen © zVg