Neurologe räumt mit Mythen rund um Vitamin D und Parkinson auf

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Vitamin D kann zwar nicht vor Parkinson schützen, ist aber für Parkinsonpatienten aufrgund ihres erhöhten Frakturrisikos wichtig. © iStock/eli_asenova

Parkinsonpatienten neigen zu niedrigen Vitamin-D-Spiegeln. Doch der Nutzen einer Supplementierung ist umstritten. Ein Schweizer Neurologe hat die verfügbaren Daten kritisch unter die Lupe genommen.

Bei seiner Datenbankanalyse stieß Dr. Daniel Eschle vom Kantons­spital Uri in Altdorf auf 20 Publikationen, die sich mit der Assoziation zwischen dem Vit­amin-D-Serumspiegel und einer Parkinsondiagnose beschäftigten. Darunter waren 18 Fallkontrollstudien und zwei prospektive Untersuchungen. Randomisierte kontrollierte Studien zur adjuvanten Gabe bei der neurologischen Erkrankung waren dagegen rar – es fanden sich nur drei Arbeiten.

Gemessene Veränderungen für einen echten Effekt zu gering

In den Fallkontrollstudien wurden die Vitamin-D-Spiegel Erkrankter mit denen neurologisch Gesunder verglichen, stets gemessen in der Speicherform 25-OH-Vitamin-D. Im direkten Vergleich hatten die Patienten mit Morbus Parkinson fast immer signifikant niedrigere Spiegel.

Große Hoffnungen weckte eine prospektive Arbeit, der zufolge hohe Vitamin-D-Werte vor der Manifestation der neurologischen Erkrankung schützen sollen. Doch die Forscher relativierten ihr eigenes Ergebnis wegen möglicher Störfaktoren. Ihrer Ansicht nach lässt sich ein Zusammenhang noch nicht sicher einschätzen. Die zweite prospektive Studie förderte keine Assoziation zutage. Die Verfasser dieser Arbeit sehen einen einfachen Grund: Den postulierten Parkinsonschutz durch das Knochenvitamin gibt es nicht.Ganz anderer Ansicht sind die Verfasser einer placebokontrollierten Interventionsstudie.

Sie behaupten, dass eine Supplementierung Krankheitsstadium und Lebensqualität verbessern kann. Dr. Eschle erinnert daran, dass eine statistische Signifikanz noch keine Relevanz bedeutet. Denn seiner Meinung nach fallen die gemessenen Veränderungen zu gering für einen echten Effekt aus.

Erkrankte sind weniger mobil und seltener draußen

Außerdem bemängelt der Neurologe, dass sich beide Gruppen hinsichtlich Krankheitsdauer und Stadium unterschieden. In der zweiten Interventionsstudie prüften Wissenschaftler einen möglichen Einfluss des Vitamins auf Levodopa-bedingte Dyskinesien, konnten aber keine Wirkung zeigen. Die dritte Untersuchung wurde wegen der zu geringen Teilnehmerzahl ausdrücklich als Pilotstudie publiziert. In ihr ergab sich nur für jüngere Patienten ein signifikanter Nutzen. Zusammengenommen gibt es bisher also keine Evidenz für verlangsamte Progression und verbesserte Symptome durch Vitamin D, schreibt Dr. Eschle.

Der Schweizer Neurologe betont, dass die Assoziation zwischen Parkinson und niedrigen Vitamin-D-Spiegeln noch keine Kausalität belegt. Der ermittelte „Zusammenhang“ lässt sich unschwer damit erklären, dass Erkrankte weniger mobil sind und sich deshalb seltener im Freien aufhalten. Wegen der geringeren Sonnenexposition bilden sie weniger Vitamin D – die geringen Werte sind also nur ein unspezifischer Marker der neurode­generativen Erkrankung.

Empfohlene Tagesdosis: 800 Einheiten

Allerdings ist das Vitamin damit nicht „out“ – im Gegenteil, betont der Kollege. Schließlich brauchen alle Parkinsonpatienten eine gute Versorgung aufrgund des erhöhten Sturz- und Osteoporoserisikos mit entsprechender Frakturgefahr. Empfohlen wird eine Tagesdosis von 800 Einheiten, bei Bedarf kombiniert mit 500 mg/d Kalzium.

Quelle: Eschle D. J Neurol Neurochir Psychiatr 2019; 20: 129-133