Nicht alles ist Genetik: Wie psychische Störungen an Kinder weitergegeben werden

Autor: Friederike Klein / Maria Fett

Man muss die Interaktion zwischen Genen und Umwelt differenzierter betrachten. (Agenturfoto) Man muss die Interaktion zwischen Genen und Umwelt differenzierter betrachten. (Agenturfoto) © iStock/nullplus

Etwa jedes zweite Kind von Eltern mit psychischen Erkrankungen wird selbst psychisch auffällig. Ihr Risiko scheint damit höher zu sein als das von Kindern gesunder Paare. Tatsächlich stecken hinter dem Zusammenhang komplexe Mechanismen, die über eine genetische Disposition hinausgehen.

Vom Gedanken einfacher Ursache-Wirkungs-Prinzipien hat sich der Großteil der Wissenschaft zum Glück gelöst. Auf A folgt selten ausschließlich oder notwendigerweise B, schon gar nicht bei komplexen Geschehen wie psychischen Krankheiten.

Deren Ursachen sind in der Regel „bio-psycho-sozial“ bedingt. Deshalb ist es nur konsequent, hinter den zahlreichen Ergebnissen von randomisierten Studien und Metaanalysen, nach denen die Kinder psychisch erkrankter Eltern in späteren Jahren selbst Verhaltensauffälligkeiten oder gar manifeste Störungen entwickeln, mehr als eine genetische Grundlage zu vermuten.

Diese spielt natürlich eine wichtige Rolle, schreiben die Chefärzte der Kinder- und Jugend- bzw. Erwachsenenpsychiatrie des Evangelischen Krankenhauses Alsterdorf in Hamburg, Privatdozentin Dr. Angela­ Plass­-Christl­ und Professor Dr. Sönke­ Arlt­. Genetische Faktoren ebnen vermutlich aber nur den Weg für psychische Auffälligkeit. Sie machen vulnerabel. Ob es am Ende tatsächlich zu einem Ausbruch kommt, hängt darüber hinaus an epigenetischen, interaktionellen und sozialen Mechanismen.

Allgemeine und spezifische Resilienzfaktoren bieten Schutz

Eine psychische Krankheit von Mutter oder Vater beeinflusst fast unweigerlich das elterliche Verhalten und damit die Interaktion mit dem Kind – ein idealer Nährboden für psychische Auffälligkeiten. Betroffene sind oft weniger empathisch, distanzierter und für den Nachwuchs emotional nicht verfügbar. Auch haben sie Probleme damit, ihrem Kind eine verlässliche Alltagsstruktur zu bieten, was das Risiko für Störungen zusätzlich erhöht.

Ganz so schutzlos, wie es vielleicht klingen mag, sind die Kleinen solchen dysfunktionalen Familienkonstellationen aber nicht ausgesetzt. In der Resilienzforschung hat man eine Reihe verschiedener protektiver Faktoren ausmachen können, die mit einer psychisch gesunden Entwicklung assoziiert sind. Zu ihnen zählen allgemeine Resilienzfaktoren wie

  • Optimismus und
  • gute Selbstwirksamkeitserwartung.

Dazu kommen nach Aussage von Dr. Plass-Christl spezifische Resilienzfaktoren, zum Beispiel

  • gute soziale Kompetenz,
  • familiäre Unterstützung von Verwandten,
  • günstiges Schulklima,
  • hohe Qualität der sozialen Beziehungen.

Dabei scheint die Chance für eine gesunde psychische Entwicklung der Kinder umso größer zu sein, je mehr dieser Faktoren vorhanden sind.

Gehirnentwicklung mit kritischem Zeitfenster

Ein Beispiel einer solchen genetischen Vulnerabilität beschrieben vor Jahren Forscher aus England. Sie hatten erkannt, dass Träger von zwei kurzen S-Allelen des Serotonin-Transportergens im Erwachsenenalter vermehrt depressive Episoden sowie Suizidalität entwickeln, wenn es bei ihnen in jungen Jahren zu belastenden Erlebnissen gekommen war. Bei Trägern zweier langer ­L-Allele war dies nicht der Fall.

Mehr noch: Der Zusammenhang zu psychischen Störungen war in der Studie bei Personen mit zwei kurzen Allelen des Transpondergens stärker ausgeprägt, wenn sie sich diesen ungünstigen Bedingungen in ihrer Kindheit ausgesetzt sahen. Wuchsen sie hingegen in einem fördernden Umfeld auf, hatten die Allele eine signifikant geringere „vulnerable Kraft“.

Möglicherweise gibt es eine kritische Phase in der Gehirnentwicklung, ein bestimmtes Zeitfenster bzw. einen Lebensabschnitt, in dem die genetische Disposition späteren Störungen den Weg bereitet, erklären die Autoren. Stress in der frühen Kindheit geht bei Personen mit zwei S-Allelen mit Veränderungen in der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse sowie den Volumina von Hippocampus und Amygdala einher.

Wie eingangs beschrieben, erklärt dies aber nur einen Teil der hohen Prävalenz psychisch kranker Kinder von erkrankten Eltern. Immer mehr Studienergebnisse zeigen die Notwendigkeit auf, jene Gen-Umwelt-Interaktion differenzierter zu betrachten, Stichwort Epigenetik.

So beeinflusst das Erleben von Angst, Depression und Stress das Verhalten schwangerer Frauen. Im Zuge dessen ernähren sie sich eventuell ungesünder, gehen seltener nach draußen oder schlafen unregelmäßig. All dies gehe nicht spurlos an der Entwicklung des Ungeborenen vorbei, fassen die Autoren zusammen. Eine hohe Kortisolausschüttung der Mutter exponiert auch den Fötus mit dem Stresshormon, was in der Folge zu einem Abort, einer Frühgeburt oder niedrigem Geburtsgewicht führen kann.

Mikrobiom beeinflusst durch mütterlichen Stress

Ebenso liegen Hinweise vor, dass dieser epigenetische Einfluss mit vermehrten Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen im Vorschulalter einhergeht. Auswirkungen auf Immunsystem, Mikrobiom und Stoffwechsel scheinen ebenfalls von pränatalem Stress der Mutter beeinflusst zu werden.

Quelle: Plass-Christl A, Arlt S. Hamburger Ärzteblatt 2020; 4: 10-14