Niedrigere Hochdruck-Definition: Jeder Zweite wäre Hypertoniker

Autor: Dr. Andrea Wülker

In Europa gilt zum Glück noch die „alte“ RR-Schallgrenze von 139/89 mmHg. © iStock.com/marianoheluani

Die neue europäische Hypertonieleitlinie hält an der bisherigen Bluthochdruck-Definition fest. Anders in den USA. Mit der dort gesetzten Marke von 130/80 mmHg schafft man sich 7,5 Millionen neue therapiebedürftige Patienten. Das lenkt von Hochrisiko­kranken ab, so die Kritik.

Für Aufsehen sorgte im letzten Jahr eine US-amerikanische Leitlinie. Ab einem Blutdruck von mehr als 130/80 mmHg sprechen die Autoren von einer Hypertonie. In Europa gilt der Bereich bis 139 mmHg noch als hochnormal.

Das Forscherteam um Dr. Rohan Khera von der University of Texas Southwestern Medical Center, Dallas, hat nun für die USA und China ausgerechnet, wie viele Neu-Hypertoniker die Gesundheitssysteme mit dem niedrigeren Grenzwert bewältigen müssten. Für ihre Analyse verwendeten sie Daten aus dem US National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) und der China Health and Retirement Longitudinal Study (CHARLS). Berücksichtigt wurde die Gruppe der 45- bis 75-Jährigen.

Das Ergebnis: Die Zahl der Hypertoniepatienten würde in den USA um 26,8 % und in China sogar um 45,1 % ansteigen. Mehr als jeder Zweite hätte definitionsgemäß einen Bluthochdruck. In Zahlen heißt das: 7,5 Mio. therapiebedürftige Hypertoniker zusätzlich in den USA, 55,3 Mio. in China. Zudem müsste bei 13,9 Mio. bzw. 30 Mio. die Therapie intensiviert werden.

Millionen Menschen mit stigmatisierendem Etikett

Millionen von Menschen bekämen das Etikett einer chronischen Erkrankung und liefen Gefahr, psychische Komorbiditäten und Nebenwirkungen zu entwickeln, kritisieren die Autoren. Bei niedrigem kardiovaskulärem Risikoprofil bringe die Hochdrucktherapie eventuell mehr Risiken, als sie nutze. Eine weitere Sorge: Öffentliche Gesundheitsprogramme könnten ineffizienter werden, wenn sie neben Hochrisikopatienten auch die „Neu-Hypertoniker“ identifizieren müssten.

Quelle: Khera R et al. BMJ 2018; 362: k2357