Penicillinallergie viel seltener als vermutet

Autor: Maria Weiß

Bei vermeintlicher Penicillinallergie ist Skepsis angebracht. © iStock.com/jarun011

Bevor Sie den Vermerk „Penicillinallergie“ in die Krankenakte schreiben, sollten Sie diese abklären lassen. Handelt es sich um einen Irrtum, ist das alternative Antibiotikum nämlich oft die schlechtere Wahl. Die Testung sorgt für fundierte Entscheidungen.

Wer mit dem Etikett „Penicillinallergie“ durchs Leben geht, trägt durchaus gesundheitliche Risiken, schreiben Dr. Eric Macy vom San Diego Medical Center und David Vyles, Medical College of Wisconsin, in einem CME-Review. Penicillin sei bei vielen infektiösen Erkrankungen wie Zahn- und Hautinfektionen oder Bakteriämie immer noch das Mittel der ersten Wahl, gerade auch bei Otitis media, Streptokokken-Angina oder Pneumonie im Kindesalter.

Patienten mit Penicillinallergie haben ein größeres Infektionsrisiko bei Eingriffen mit empfohlener Penicillinprophylaxe und eine schlechtere Prognose bei Bakteriämien mit methicillinsensiblen Staphylokokken, schreiben die Autoren. Im Schnitt verbringen sie mehr Tage im Krankenhaus als andere Patienten und sie erhalten mehr Antibiotika, die mit Clostridium-difficile-Infektionen in Zusammenhang stehen oder schlechter verträglich sind. Auf der anderen Seite fürchtet man natürlich, die Patienten durch anaphylaktische Reaktionen zu gefährden. Diese Gefahr sei bei einer vermeintlichen Penicillinallergie aber verschwindend gering, wie die Kollegen darstellen.

Gefahrlos provozieren

Bei folgenden mit Penicillin assoziierten Symptomen kann man relativ gefahrlos eine direkte orale Provokation mit Ampicillin in therapeutischer Dosis wagen, wenn die Symptome vor mehr als zwölf Monaten aufgetreten sind:

  • jeder gutartige Hautausschlag
  • gastrointestinale Symptome
  • Kopfschmerzen
  • andere ungefährliche somatische Symptome
  • unbekannter Grund für die Diagnose „Penicillinallergie“

Nur in 0,5–1 % der Fälle liegt eine echte Allergie vor

An erster Stelle sollte man in Erfahrung bringen, aufgrund welcher klinischen Erscheinungen die Diagnose „Penicillinunverträglichkeit“ gestellt wurde. In 93–96 % der Fälle handelt es sich um Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder einen an sich harmlosen Ausschlag, die entweder durch die zugrunde liegende Infektion selbst bedingt sind oder normale Nebenwirkungen des Medikaments sind. Nur bei wenigen Patienten handelt es sich tatsächlich um sofortige oder verzögerte allergische Reaktionen.

Insgesamt liegt die Rate an neu aufgetretenen echten Allergien nach Penicillinexposition bei 0,5–1 %. Schwere systemische Reaktionen im Sinne einer Anaphylaxie machen weniger als 0,1 % aus. Noch seltener sind schwere kutane Reaktionen wie das Steven-Johnson-Syndrom oder die toxische epidermale Nekrolyse.

Orale Desensibilisierung führt bei vielen zur Toleranz

Dr. Macy und David Vyles empfehlen daher, alle Patienten mit vermeintlicher Penicillinallergie grundsätzlich zu testen. Eine Stunde nach der Einnahme sollten die Patienten unter Beobachtung bleiben, weitere fünf Tage muss zu Hause auf mögliche Symptome einer verzögerten Hypersensitivitätsreaktion geachtet werden.

Ein Penicillin-Hauttest ist in folgenden Situationen empfehlenswert:

  • bei penicillinassoziierten Reaktionen in den letzten zwölf Monaten
  • bei jeder Vorgeschichte von Kurzatmigkeit oder Anaphylaxie in Zusammenhang mit Penicillin
  • bei Angst des Patienten (oder des behandelnden Arztes) vor der oralen Provokation

Diagnostischer Standard ist ein intradermaler Hauttest mit Penicilloyl-Polylysin. Alle anderen Test-Reagenzien haben eine zu hohe Rate falsch positiver Ergebnisse, so die Autoren. Fällt der Hauttest negativ aus, sollte immer noch eine orale Provokation erfolgen, bei positivem Testergebnis dürfen die Patienten kein Penicillin erhalten. Aber auch für diese Patienten gibt es aber noch eine Möglichkeit, wenn sie unter lebensbedrohlichen Infektionen leiden, bei denen Penicillin erste Wahl wäre: Durch eine orale Penicillin-Desensibilisierung mit schrittweiser Erhöhung der Dosis kann in vielen Fällen eine Toleranz erreicht werden.

Quelle: Macy E, Vyles D. Ann Allergy Asthma Immunol 2018; 121: 523-529