Pulmonale Hypertonie: Vorstoß zu niedrigerem Grenzwert kommt verfrüht

Autor: Dr. Sascha Bock

Der bisherige Grenzwert zur pulmonalen Hypertonie könnte sich ändern. © Flickr/Yale Rosen (CC BY-SA 2.0)

Wenn es nach den Experten der Weltkonferenz für pulmonale Hypertonie geht, spricht bereits ein Mitteldruck von > 20 mmHg für die Erkrankung. Unbegründet ist der Vorschlag nicht, doch ein Kollege findet ihn überhastet.

Die pulmonale Hypertonie (PH) beginnt ab einem pulmonal-arteriellen Mitteldruck von 25 mmHg, gemessen per Rechtsherzkatheter. An dieser seit 1973 bestehenden Definition wird nun gerüttelt. Alle fünf Jahre findet eine Weltkonferenz statt, die sich der Erkrankung widmet. Auf dem jüngsten Symposium im März 2018 schlug Professor Dr. Gérald Simonneau aus Paris vor, den Grenzwert auf 20 mmHg zu senken.

Viele Anhänger fand das Mitglied der PH-Task-Force damit nicht: Bei einer Abstimmung im Auditorium unterstützten ihn gerade einmal 4 %. Der Großteil der anwesenden Kollegen befürchtete Überdiagnosen. Trotzdem hat es der Vorstoß in eine kürzlich publizierte Empfehlung der Arbeitsgruppe geschafft. Demnach startet eine pulmonale Hypertonie schon bei einem Mitteldruck > 20 mmHg. Für sämtliche präkapilläre Formen wird zusätzlich ein erhöhter pulmonal-vaskulärer Widerstand gefordert.

Lücke zwischen oberer Norm und Krankheitsdefinition

„Ich sehe das sehr kritisch“, meint Professor Dr. Stephan Rosenkranz, Klinik III für Innere Medizin, Universitätsklinikum Köln. Allerdings könne man sich davor nicht verschließen, denn völlig unbegründet ist die Idee nicht. Der Normwert für Gesunde liegt bei 14 ± 3 mmHg. Mit der für eine obere Grenze üblichen zweifachen Standardabweichung landet man bei 20 mmHg. Es gibt also eine Lücke zur bisherigen – willkürlich gewählten – PH-Definition.

Eine Vielzahl an Studien schreibt der Grauzone von 21–24 mmHg durchaus eine prognostische Bedeutung zu. Beispielsweise ergab eine Untersuchung mit über 21 000 Teilnehmern, dass Mitteldruck und Sterblichkeit bereits im Grenzbereich korrelieren. Das Patientenkollektiv litt allerdings unter vielen Begleiterkrankungen, sodass laut Prof. Rosenkranz mitnichten eine pulmonal-arterielle Hypertonie (PAH) vorlag. Dennoch müsse man die Mortalitätsdaten ernst nehmen.

Therapie sollte weiterhin erst ab 25 mmHg beginnen

Der Kollege hätte es bevorzugt, wenn die neue Definition für die nächste Weltkonferenz vorgeschlagen worden wäre. Denn bis dato fehlen Untersuchungen, die zeigen, dass Patienten mit grenzwertigem Mitteldruck von einer Behandlung profitieren. Dies gilt es in den nächs­ten Jahren nachzuholen. Und eines steht für Prof. Rosenkranz fest: Die Indikation für eine gezielte PAH-Therapie richtet sich weiterhin nach den 25 mmHg. Schließlich beruhen alle Studien zu Effektivität und Sicherheit der teuren und nebenwirkungsbehafteten Medikamente auf der seitherigen Definition.

Quelle: 14. DGK-Kardiologie-Update-Seminar


Die innere Membran des Lungenstroms hat sich verdichtet – eine Belastung für das rechte Herz. © Flickr/Yale Rosen (CC BY-SA 2.0)