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Soziales Umfeld beeinflusst was und wie viel wir essen

DGIM 2021 Autor: Dr. Moyo Grebbin

Wie viel wir essen, hängt auch von unserem Gegenüber ab. (Agenturfoto) Wie viel wir essen, hängt auch von unserem Gegenüber ab. (Agenturfoto) © iStock/Geber86
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Das gesellschaftliche Setting beim Essen hat teils kuriose Effekte auf die Portionsgröße. Doch auch Freundschaften und Beziehungen hinterlassen offenbar ihre Spuren auf den Hüften. Ein Experte erklärt, was wir zu diesem Thema wissen.

Situative Effekte des sozialen Umfelds auf die Nahrungsaufnahme seien bereits in den 1990er-Jahren beschieben worden, erinnerte Professor Dr. ­Manfred­ Hallschmid­ vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie des Universitätsklinikums Tübingen. Eine Arbeit habe damals aufgezeigt, dass Menschen umso üppiger essen, je mehr Personen im geselligen Kreis zusammensitzen. „Vielleicht weil die Stimmung steigt oder weil man nicht so sehr darauf achtet, was man isst.“

Das Geschlecht der Anwesenden schien ebenfalls von Bedeutung: Im Beisein von Frauen aßen Männer deutlich größere Portionen. Diese Effekte können sich allerdings auch umkehren, betonte Prof. Hallschmid. Etwa wenn Fremde beim Essen dabei seien oder als sehr attraktiv wahrgenommen werden.

Ein langfristiger Einfluss zwischenmenschlicher Beziehungen auf die Ausbreitung der Adipositas entlang sozialer Netzwerke zeigte sich in einer Langzeitanalyse im Rahmen der Framington Heart Study.1 Forschende verfolgten dafür über einen Zeitraum von 32 Jahren den Gewichtsverlauf von mehr als 12.000 Personen. Den Ergebnissen zufolge stieg das Risiko, an Körpergewicht zuzulegen und somit übergewichtig zu werden, um 57 %, wenn ein enger Freund oder eine enge Freundin stark zugenommen hatte. Dies fand sich unabhängig von der geografischen Distanz, betonte der Referent. Auf die soziale Nähe komme es an. „Je enger die Freundschaft, desto stärker der Effekt. Was dafür spricht, dass hier tatsächlich soziale Normen übernommen werden.“

Zum Zusammenhang romantischer Beziehungen mit dem Körpergewicht existiere eine große deutsche Studie.2 Bei mehr als 20.000 Personen verfolgten die Autoren über 16 Jahre hinweg, wie sich das Gewicht von Singles, beim Zusammenziehen, in der Ehe oder bei Trennung bzw. Scheidung entwickelte. Die Ergebnisse hatte man für Rauchen, sportliche Aktivität und gesunde Ernährungsweise korrigiert.

Zusammenleben als Risikofaktor

Auch wenn sich aus dieser Beobachtungsstudie keine eindeutigen Kausalitäten ableiten ließen, seien die Ergebnisse doch interessant: „Ziehen Menschen zusammen, tendieren Männer wie Frauen dazu, an Gewicht zuzulegen. Wenn sie sich trennen, sinkt das Körpergewicht wieder etwas. Das scheint auch bei der Scheidung der Fall zu sein – allerdings eher für Frauen. Männer nehmen dann eher ein paar BMI-Punkte zu.“ Die Beobachtung entspreche der so genannten „Heiratsmarkthypothese“, die besagt, dass man während der Partnersuche das eigene Gewicht aktiv beeinflusst, um attraktiver zu wirken. „Partnerschaftliches Zusammenleben stellt in diesem Kontext also einen gewissen Risikofaktor dar,“ so Prof. Hallschmid.

Soziale Faktoren beeinflussen Nahrungsaufnahme und Körpergewicht sowohl in bestimmten Situationen als auch auf lange Sicht, fasste der Referent zusammen. Dass sich Adipositas entlang freundschaftlicher Netzwerke ausbreite, spreche dafür, dass soziale Normen ein entscheidender, langfristiger Regulator des Essverhaltens sind.

Quellen:
1. Christakis NA, Fowler JH. N Engl J Med 2007; 357: 370-9; DOI: 10.1056/NEJMsa066082
2. Mata J et al. Health Psychol 2018; 37: 948-958; DOI: 10.1037/hea0000654

Kongressbericht: 127. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin

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