Süchtige Senioren: Anzeichen erkennen

Autor: Dr. Barbara Kreutzkamp

Alkohol und Sedativa werden als Ursache für geistige Defizite bei Älteren oft nicht bedacht. © iStock.com/KatarzynaBialasiewicz

Ist einer Ihrer betagten Patienten verwirrt und reizbar? „Verlegt“ er häufig seine Benzo-Rezepte oder hat er unerklärliche Verletzungen? Dann sollten Sie einen Substanzabusus in Betracht ziehen.

Senil, sternhagelvoll oder stoned? Alkohol-, Medikamentenabusus und illegale Drogen sind im Alter zwar nicht so häufig, aber genauso problematisch wie bei Jüngeren. Nur werden Missbrauch und Abhängigkeit im Alter 65 plus häufig übersehen – nehmen die Herrschaften doch weniger am beruflichen und sozialen Leben teil oder machen für ihre Beschwerden das Alter oder die Multimorbidität verantwortlich. Dabei können die schlechtere Gesundheit, das vulnerabler werdende Gehirn und Wechselwirkungen mit Medikamenten mögliche Komplikationen verschlimmern.

Gestörter Schlaf, häufige Gereiztheit oder Übelkeit sind genauso Warnhinweise für einen Substanzabusus wie unerklärliche Verletzungen oder schlechte Hygiene (siehe­ Kasten). Auch geistige Defizite müssen nicht immer allein altersbedingt sein, sondern sind auch bei Alkohol- und Sedativa-Missbrauch nicht selten.

Hinweise auf Substanzabusus

  • Äußerlich: unerklärliche Verletzungen/Stürze/Hämatome, Unterernährung, Anzeichen für Selbstvernachlässigung (schlechte Hygiene)
  • Organisch: Übelkeit, Erbrechen, Koordinationsprobleme, Tremor
  • Psychiatrisch: Schlafstörungen, häufige Stimmungswechsel, anhaltende Reizbarkeit, Angst, Depression
  • Geistig: Verwirrung und Orientierungsverlust, Gedächtnisschwund, Schläfrigkeit, verlangsamte Reaktion
  • Sozial/verhaltensbezogen: Zurückgezogenheit, familiäre Streitigkeiten, verfrühtes Verlangen neuer Rezepte

Eine erste Einschätzung gelingt mit den bekannten Fragen nach Versuchen zur Dosisreduktion oder dem Konsum von übermäßigen oder nicht beabsichtigten Mengen, berichten Dr. Susan W. Lehmann­ und Dr. Micheal­ Fingerhood­ von der Johns Hopkins Universität in Baltimore. Je nach Substanz gibt es dann weitere Diagnose-Methoden.

Bei der Anamnese Angehörige ins Boot holen

Bei Alkoholmissbrauch ist es allerdings überflüssig, die Standardfrage nach der täglichen Menge zu stellen, denn für Senioren kann schon ein Konsum unterhalb des Richtwerts gefährlich sein. Es lohnt sich in jedem Fall, bereits bei der Anamnese Angehörige ins Boot zu holen.

Alkoholentzugssymptome treten im Alter oft erst nach einigen Tagen auf und äußern sich meist durch Verwirrtheit. Tremor und Tachykardien kommen dagegen seltener vor. Gibt es geeignete Bezugspersonen, gelingt der Entzug meist ambulant. Ist bereits ein schwerer Entzug aus der Historie bekannt, wäre ein stationäres Setting jedoch besser. Spezielle Senioren-Leitlinien exis­tieren bisher nicht.

Zeigt der Patient Therapiebereitschaft, sollte die Behandlung bzw. der Besuch einer Selbsthilfegruppe möglichst altersspezifisch abgestimmt sein. Den Fokus dabei auf den Aufbau sozialer Kontakte und die Förderung neuer Interessen zu legen, sei hilfreich, raten die Experten. Die pharmakologische Unterstützung beispielsweise mit Disulfiram, Acamprostat oder Naltrexon sei in dieser Altersgruppe nicht untersucht, könne aber unter besonderer Berücksichtigung der Nebenwirkungen unterstützend zur Verhaltenstherapie probiert werden.

Beim nicht sachgemäßen Gebrauch von Arzneimitteln bei Älteren sehen die Autoren Benzodiazepine und Opioide im Vordergrund. Hinweise auf Abusus geben Unfälle aller Art oder Verwirrtheit. Die Kontrolle der Verordnungsdaten, ein direktes Gespräch mit dem Patienten oder den Angehörigen kann weiterhelfen.

Die Hippiegeneration geht langsam in Rente

Der Entzug erfolgt durch kontinuierliches Ausschleichen – bei Opioiden mit etwa 10 % pro Woche, bei Benzos über Wochen und Monate. Insbesondere im weiteren Verlauf ist eine familiäre Unterstützung von Vorteil. Bei langjähriger Opioidabhängigkeit profitieren auch Ältere von einer Buprenorphin-Ersatztherapie, bei Benzo­diazepinen hat sich eine unterstützende Psychotherapie bewährt.

Ganz neue Aspekte dürfte das beginnende Rentenalter der Baby­boomer- und Hippiegeneration (1946–1964) bringen. Effekte auf Kognition und Psyche treten bereits bei kurzzeitigem Marihuana-Gebrauch auf, schreiben die Experten. Was dagegen der möglicherweise jahrzehntelange Abusus von Marihuana oder illegalen Drogen an Nebenwirkungen im Alter hervorbringt, ist bisher kaum bekannt. Insbesondere durch die mittlerweile medizinische Verordnung von Cannabis bei chronischem Schmerz gewinnt das Thema an Bedeutung.

Eine Therapie erfolgt wie bei den jüngeren „Junkies“ durch klassischen Entzug, kann sich aber schwieriger und langwieriger gestalten. Von Vorteil sind kognitive Verhaltenstherapie sowie Einzel- und Gruppensitzungen – optimalerweise altersspezifisch. 

Quelle: Lehmann SW, Fingerhood M. N Engl J Med 2018; 379: 2351-2360