Über ein Jahr trainierte Laien können affektive Störungen genauso gut behandeln wie Psychiater

Autor: Maria Fett

Symptome von Angst bzw. Depression im Schnitt um 61 % reduziert. © Fotolia/VadimGuzhva

So richtig klappt die psychotherapeutische Versorgung hierzulande nicht. In England zeigt ein Modell, wie sich die Situation für Patienten mit Ängsten oder Depression bessern könnte. Und das ohne Psychiater.

Eine Lösung, wie man Psychotherapie in Deutschland flächendeckend anbieten könnte, gibt’s bisher nicht. Anders sieht es in Großbritannien aus. Professor Dr. Martin Bohus­ vom Institut für Psychiatrische und Psychosomatische Psychotherapie, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, geht sogar so weit zu behaupten, dass die Methode „unser Weltbild ins Wanken bringt“.

Improving Access to Psychological Therapies, kurz IAPT, heißt das Programm, durch das allein zwischen 2014 und 2016 mehr als eine Million Angst- und Depressionspatienten eine evidenzbasierte Therapie erhielten. Das Angebot reicht von geleiteter Selbsthilfe über Gruppen- bis zur Verhaltenstherapie. Im Kern beruhen IAPT auf zwei Säulen:

  • dem Stepped-Care-System, das Patienten entweder einer „light“ Behandlung aus Selbsthilfemanual plus Beratung oder einer intensiven Behandlung mit Psychotherapie zuweist
  • den „Psychological Well Being Practitioners“, zuständig für Dia­gnostik und Beratung

Zum „Practitioner“ kann sich prinzipiell jeder mit „breitgefächerten Erfahrungen“ ausbilden lassen. 45 Tage Theorie, 180 Tage supervidierte Praxis und los geht’s. Um schwere Depressionen und Ängste behandeln zu dürfen, braucht es neben einem qualifizierten Abschluss 90 Theorietage und 135 Tage Supervision.

Genesungsraten lagen im Mittel bei 43 %

Jetzt erschienen erste Daten zur Effektivität des Programms. In den rund eine Million Fällen ließen sich die Angst- bzw. Depressionssymptome durch IAPT durchschnittlich um 61 % reduzieren. Die Genesungsraten lagen im Mittel bei 43 %. Entscheidend für den Erfolg war jedoch weniger die spezifische Behandlung, sondern vielmehr das Therapiezentrum.

Eine weitere Analyse mit Daten von 103 Zentren verdeutlicht, was Prof. Bohus­ mit dem wankenden Weltbild meinte: Kognitive Verhaltenstherapie verbesserte eine Depression in schwereren Fällen (Cut-off > 10 Punkte im PHQ-9*) um mittlere Effektstärken von 1,59. Beratung brachte es auf durchschnittlich 1,55. Die Psychotherapie erwies sich erst als signifikant überlegen, wenn Patienten mindestens 18 Sitzungen erhielten. „Ein Jahr Training von Laien scheint auszureichen, um affektive Störungen flächendeckend und effektiv zu behandeln“, resümierte Prof. Bohus.

*Patient Health Questionnaire

Quelle: 8. Psychiatrie-Update-Seminar