Üble Kinderkrankheiten: Nicht-IgE-vermittelte Nahrungsallergien wachsen sich oft aus

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Häufig sind Kuhmilch, Soja, Getreide, Eier, Geflügel, Fisch oder Schalentiere die Auslöser. © iStock/Aamulya

Ein Säugling mit Blut im Stuhl, anhaltendem Erbrechen oder Schluckbeschwerden – dahinter kann sich eine nicht durch IgE vermittelte Immunreaktion auf bestimmte Nahrungsmittel verbergen.

Inzwischen kennt man mehrere Immunreaktionen auf Nahrungsbestandteile, die nicht durch Immunglobulin E (IgE) vermittelt sind, schreiben Dr. Sam Mehr vom Royal Children’s Hospital in Melbourne und seine Kollegin Dr. Terri Brown-Whitehorn.

Allergische Proktokolitis

Zum häufigsten Syndrom dieser Art zählt die durch Nahrungsproteine ausgelöste allergische Proktokolitis (FPIAP, food protein-induced allergic proctocolitis). Bei ihr handelt es sich um eine gutartige Erkrankung, die sich in den ersten Lebensmonaten mit blutigen Stühlen manifestiert. Die betroffenen Säuglinge sind ansonsten meist gesund und zeigen keinerlei Gedeihstörungen.

Ausgelöst wird die FPIAP meist durch Kuhmilch. Aber auch Soja, Eier, Weizen, Mais und andere Getreidesorten, Hühnchen sowie Fisch kommen infrage. Meist bilden sich die blutigen Stühle innerhalb von 72 Stunden nach dem Verzicht auf das verdächtige Lebensmittel zurück. Flaschenernährte Kinder vertragen in der Regel Produkte mit extensiv hydrolysierter Säuglingsformula. Gestillten Säuglingen hilft es, wenn die Mutter Kuhmilch meidet, ggf. auch Soja. Bei den meisten bildet sich die FPIAP innerhalb von einem Jahr komplett zurück.

Nahrungsmittelenteropathie

Eine weitere nicht-IgE-vermittelte Erkrankung ist die durch Nahrungsproteine induzierte Enteropathie (FPE, food protein-induced enteropathy). Sie beginnt in der Regel wenige Wochen nach der Einführung von Kuhmilch oder Soja bzw. nach der Umstellung auf feste Kost. Voll gestillte Kinder erkranken nicht. Das Kardinalsymptom ist eine nicht-blutige, persistierende Diarrhö, evtl. begleitet von intermittierendem Erbrechen, Hypoalbuminurie und Wachstumsstörungen. Wegen der zahlreichen Differenzialdiagnosen für persistierende Diar­rhöen fordern die Autoren eine endoskopische Absicherung.

Nach dem Weglassen der inkriminierten Nahrungsmittel, zu denen auch Reis, Eier, Geflügel, Fisch und Schalentiere zählen können, verschwinden die Beschwerden meist innerhalb weniger Wochen. Bei einer Reaktion auf Kuh- oder Sojamilch hilft eine Ernährung mit extensiv hydrolysiertem Protein­anteil, ggf. auch eine aminosäurebasierte Säuglingsnahrung.

Chronisches FPIES – oder doch die FPE?

Das seltene chronische FPIES wird durch eine fortgesetzte Aufnahme von Kuhmilch- oder Sojaprotein ausgelöst. Es geht einher mit anhaltendem Erbrechen oder Diarrhö, Wachstumsdefizit, Anämie und Hypoalbuminämie. Deshalb lässt es sich klinisch nicht von einer durch Nahrungsproteine induzierten Enteropathie (FPE) unterscheiden. Im Gegensatz zur FPE führt ein frühes Wiedereinführen des auslösenden Lebensmittels zu einem akuten FPIES.

Eosinophile Ösophagitis

Zu den nicht-IgE-vermittelten Immunreaktionen auf Nahrungsmittel zählt auch die eosinophile Ösophagitis (EoE, eosinophilic esophagitis). Sie kann in jedem Alter auftreten. Bei Säuglingen und Kleinkindern dominieren Reflux, Erbrechen und mangelndes Wachstum. Schulkinder leiden vor allem an Sodbrennen, Erbrechen und Bauchschmerzen, Jugendliche und Erwachsene klagen über Dysphagie und im Ösophagus „eingeklemmte“ Speisebrocken und Tabletten. Fast immer wird die EoE durch Nahrungsmittel getriggert, wobei sich die Auslöser oft nur schwer ermitteln lassen. Medikamentös hilft eventuell ein systemisches Steroid weiter, während ein „Auswachsen“ der EoE allenfalls bei 5 % der Kinder gelingt.

Akutes Enterokolitis-Syndrom

Eine weitere Allergie ohne IgE-Beteiligung ist das durch Nahrungsproteine ausgelöste akute Enterokolitis-Syndrom (FPIES, food protein-induced enterocolitis syndrome). Es betrifft meist Säuglinge im Alter zwischen vier und sechs Monaten, also zum Zeitpunkt der Umstellung auf Formula-Nahrung bzw. feste Kost. Die häufigsten Auslöser sind Kuhmilch, Soja, Ei sowie Getreide, v.a. Reis und Hafer. Das akute FPIES manifestiert sich zwei bis vier Stunden nach der Ingestion eines triggernden Proteins mit profusem wiederholtem Erbrechen. Zudem fällt der kleine Patient oft durch Schlaffheit, Blässe (ohne Fieber oder erhöhtes CRP) und Lethargie auf. Die Komplikationen reichen bis zum Schock und zur metabolischen Azidose. Schon bei der ersten Reaktion wird ein oraler Nahrungsmittel-Verträglichkeitstest empfohlen. Aus Sicherheitsgründen sollte er stationär durchgeführt werden.

Diagnose des akuten FPIES

Hauptkriterium:
Erbrechen eine bis vier Stunden nach Ingestion verdächtiger Nahrung bei Fehlen einer ­Ig-E-vermittelten­ Haut- oder Atemwegs­erkrankung

Nebenkriterien:

  • wiederholtes Erbrechen nach Verzehr eines bestimmten Nahrungsmittels
  • wiederholtes Erbrechen eine bis vier Stunden nach Verzehr verschiedener Nahrungsmittel
  • extreme Lethargie während einer Episode
  • ausgeprägte Blässe während einer Episode
  • Behandlung in der Notaufnahme
  • Diarrhö im Verlauf von 24 Stunden (meist 5 bis 10 Stunden)
  • Hypotension
  • Hypothermie

Für die Diagnose eines akuten FPIES muss das Hauptkriterium erfüllt sein sowie mindestens drei Nebenkriterien. Liegt nur eine der verdächtigen Reaktionen vor, wird ein diagnostischer Nahrungsmittel-Verträglichkeitstest empfohlen.

Bei rund 75 % der betroffenen Kinder wird das akute FPIES durch ein einzelnes Lebensmittel hervorgerufen. Hat ihr Baby Symptome, sollten stillende Mütter dieses Essen dann meiden. Kinder mit Kuhmilch-FPIES können auf eine stark hydrolysierte Formula-Nahrung umgestellt werden. Patienten mit Hühnchen-FPIES müssen auf sämtliches Geflügel verzichten. Gleiches gilt für Fisch, es sei denn, die Verträglichkeit wird stationär getestet.

Insgesamt hat die akute FPIES eine gute Prognose, betonen die beiden Autoren. So haben 63 % der Kinder mit Reis-FPIES nach zwei Jahren keine Symp­tome mehr und 56 % der Kinder mit Kuhmilch-FPIES sind nach dieser Zeit beschwerdefrei. Nach drei Jahren liegen die Zahlen bei 87 % bzw. 88 %.

Quelle: Mehr S, Brown-Whitehorn T. Ann Allergy ­Asthma Immunol 2019; 122: 589-597