Vegane Ernährung der Mutter führte beim Sohn zu Anämie und Entwicklungsstörungen

Autor: Michael Brendler

Die Patientin wollte zur Tumorprophylaxe vegan leben und beförderte sich und ihren Sohn dadurch in die Klinik. © fotolia/Syda Productions

In Kursen und Büchern über die vegane Ernährung wurde einer werdenden Mutter versichert, dass ein Vitaminmangel ausgeschlossen sei. Doch genau so kam es und sowohl die Frau als auch ihr Kind landeten in der Klinik.

Pflanzenkost liegt zweifelsohne im Trend. Falsche Annahmen oder gezielte Fehlinformationen können in Risikogruppen jedoch weitreichende gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. So wie im Fall einer 37-Jährigen, deren vegane Diät zu einer perniziösen Anämie ihres Sohnes führte. Sie verdankten es letztlich einem „glücklichen Zufall“, dass ihnen schnell geholfen wurde.

Dieser Zufall kam in Form einer heftigen Gastroenteritis, welche die Mutter ins Krankenhaus führte. Den Ärzten um Professor Dr. Friedrich Lübbecke von der Inneren Abteilung des Helios Klinikums Uelzen fiel rasch auf, dass eigentlich ihr acht Monate alte Sohn der Patient war. Er zeigte sich bei der pädiatrisch-neurologischen Eingangsuntersuchung deutlich muskelhypoton, grob- sowie feinmotorisch retardiert. Kopf und Rumpf konnte der Junge im Sitzen nur eingeschränkt kontrollieren, zudem hinkte er seinen Altersgenossen in Perzeption, Sprech- und Sozialverhalten um mehr als drei Monate hinterher.

Den entscheidenden Hinweis auf die Ursache lieferte das Blutbild. Der Kleine hatte eine makrozytäre Anämie mit Megaloblasten, Leukopenie und Thrombozytose, dazu einen extrem niedrigen Vitamin-B12-Spiegel. Letzteres war bei Mutter und Kind nahezu identisch. Die Befunde veranlassten Prof. Lübbecke und Kollegen zur Verdachtsdiagnose eines Vitamin-B12-Mangels, den die Mutter vermutlich über die Brusternährung auf das Kind „übertragen“ hatte. In einem Land mit allen medizinischen Versorgungsmöglichkeiten sollte es Fälle einer perniziösen Anämie nicht mehr geben, schreiben die Autoren. Vor allem, weil man die Ursachen wie einen Cobalamin- und Folsäuremangel mittlerweile kennt und entsprechend therapieren kann.

Stillen lockt aus der Reserve

Akute Vitamin-B12-Mangelerscheinungen kommen selten vor, denn die körpereigenen Cobalaminvorräte reichen normalerweise für etwa vier Jahre. Durch das Stillen steigt der Verbrauch jedoch massiv an, sodass Frauen die Reserven über eine rein pflanzliche Kost nicht decken können. Schwangere und Stillende sollten daher unbedingt supplementieren! Auffällig werden Patienten jedoch meist erst durch neurologische Symptome, etwa ein demenzielles Syndrom. Denn das hohe Folsäureangebot in der veganen Ernährung, kombiniert mit einem geringen Eisenangebot, verhindert die Entwicklung einer makrozytären Anämie. Bei Neugeborenen äußern sich die geringen Cobalaminreserven spätestens in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres.

Dass die 37-jährige Patientin der potenziell lebensbedrohlichen Erkrankung dennoch so nahe kam, lag wohl an ihrer veganen Diät, zu der sie sich nach dem Krebstod ihres Mannes entschlossen hatte. Als Tumorprophylaxe, wie sie selbst sagte. An diesem Punkt müssen Ärzte ansetzen, appellieren Prof. Lübbecke und Kollegen. Sie sollten in jeder Beratung über vegane Ernährung unbedingt darauf hinweisen, dass der Bedarf des essenziellen B-Vitamins mit einer rein pflanzlichen Kost nicht gedeckt werden kann. Die Mutter konnte die Klinik nach einer parenteralen Vitamin-B12-Gabe drei Tage später verlassen.

Nach der Therapie noch motorisch eingeschränkt

Ihr Sohn musste aufgrund fiebernder Beschwerden noch auf der Station bleiben. Ernährungsumstellung und Substitution normalisierten schließlich auch bei ihm Erythrozyten und Hb, beseitigten Lymphozytose wie auch Leukopenie. Kürzlich wurde der Junge ambulant kinderärztlich untersucht, berichten die Autoren. Er habe sich geistig gut entwickelt und besuche mittlerweile eine höhere Schule, eine verminderte muskuläre, grobmotorische Leistungsfähigkeit mit Haltungsschwäche sei jedoch weiterhin vorhanden.

Quelle: Lübbecke F et al. Hamburger Ärzteblatt 2018; 72: 34-35