Was erreicht die Neuroreha nach einem Schädel-Hirn-Trauma?

Autor: Dr. Barbara Kreutzkamp

Eine Neuroreha mit individuell zugeschnittenen multimodalen Programmen nach einem Schädel-Hirn-Trauma lohnt sich – Wunder sollte man aber nicht erwarten. © iStock/baramee2554

Noch immer lassen sich durch ein Schädel-Hirn-­Trauma ausgelöste kognitive Störungen schwer therapieren. Intensives Üben bessert die Defizite allenfalls gering bis mäßig. Zum Einsatz kommen multimodale Programme, verbindliche Therapiestandards fehlen bisher.

Nach einer erworbenen Hirnschädigung persistieren oftmals sensomotorische und kognitive Behinderungen, die Betroffenen die Teilhabe am Leben erschweren. Eine Reha mit individuell zugeschnittenen multimodalen Programmen lohnt sich, schreiben die Neurologen um Professor Dr. Klemens­ Gutbrod­ vom Universitätsspital Bern. Eine Restitutio ad integrum darf man aber nicht erwarten. Für die individuellen Interventionen werden vier für die Alltagsbewältigung wichtige Bereiche unterschieden:

  • gestörte episodische und semantische Gedächtnisfunktionen
  • gestörte Aufmerksamkeit
  • gestörte Exekutivfunktionen
  • Neglect

Schädigungen des episodischen und semantischen Gedächtnisses kommen aufgrund der engen neuroanatomischen Lage beider Systeme meist kombiniert vor und lassen sich auch durch forciertes Training nicht wiederherstellen. Computergestützte Rehaprogramme mit wiederholtem und stundenlangem „Hirnjogging“, wie sie teilweise immer noch angeboten werden, verpuffen ohne Wirkung, so die Erfahrung der Berner Kollegen. Zur Kompensation eignen sich stattdessen störungsschwereadaptierte Programme, durch die Betroffene sich mittels alternativer Strategien Informationen merken. Dazu gehören z.B. Visualisierungstechniken, in denen verbale Inhalte wie ein Name mit einem Bild assoziativ verknüpft werden.

Als hilfreich gelten zusätzlich elektronische Gedächtnisstützen. Der Patient übt in mehreren Wiederholungen intensiv ein Frage-Antwort-Spiel, an dessen Ende nur noch ein einziger Buchstabe den Hinweis auf das Erlernte geben soll. Einsatz findet die Strategie z.B. bei Terminen. „Wo kann ich in meinem Smartphone nachschauen, was ansteht?“ – „Unter ‚zu erledigen‘ in den Notizen“.

Personen mit Störungen der (selektiven) Aufmerksamkeit haben eine verlangsamte Kognition, ermüden schneller und sind geringer belastbar sowie leichter ablenkbar. Sie können Dinge, die sie früher wie selbstverständlich parallel gemacht haben, nun nicht mehr gleichzeitig ausführen. Gute Erfolge erzielen computergestützte aktivierende und stimulierende Programme sowie kompensatorische Ansätze mit alltagsrelevanten Selbstinstruktionstechniken z.B. zur Ablenkungsvermeidung. Wichtig: Die Sitzungen müssen zeitlich eng getaktet und in hoher Anzahl durchgeführt werden.

Bei Störungen von exekutiven Funktionen setzen die Mediziner der Berner Neurorehabilitation u.a. auf ein von ihnen ausgearbeitetes Problemlösetraining mit konkreten Alltagssituationen wie Einkaufen oder Putzen. Der Patient lernt, eine komplexe Aufgabe in mehrere für ihn noch überschaubare Einzelschritte aufzuteilen und impulsiven, unsystematischen Handlungsreizen durch langsame und kontrollierte Aktionen entgegenzutreten. Der Abruf von Lebenserfahrungen hilft dabei – „Wie habe ich das früher in einer ähnlichen Situation gemacht?“ – und die schrittweise Übertragung auf die aktuelle Situation. Die Autoren empfehlen, ein solches Problemlösetraining kombiniert mit einem Zielmanagementtraining anzubieten.

Im Falle eines Neglects sind die Patienten nicht in der Lage, auf Reize und Inhalte aus der kontraläsionalen Gehirnhälfte zu reagieren. So essen sie z.B. Speisen nur im rechten Bereich des Tellers, beginnen beim Lesen in der Mitte des Textes oder registrieren Verletzungen bzw. Schmerzen im negierten Bereich nicht. Betroffene nehmen den Neglect selbst nicht wahr.

Das Neglect-Syndrom gilt noch immer als neurorehabilitativ schwer zugängliches Störungsbild, auch bei ihm versprechen multimodale Ansätze noch am ehesten Erfolg. Als Einzelbausteine bewährt haben sich Übungen zur systematischen visuellen Exploration, optokinetische Stimulationen für die verstärkte Hinwendung zur kontraläsionalen Seite, Nackenvibrationen mit Aktivierung der kontraläsionalen Nackenmuskeln und die sogenannte Prismenadapation mit Tragen von Prismengläsern. Erste positive Erfahrungen liegen zusätzlich mit nicht-invasiven Hirnstimulationsmethoden, z.B. mit der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation oder der transkraniellen Gleichstromstimulation, vor. 

Quelle: Gutbrod K et al. Therapeutische Umschau 2017; 74: 503–509