Welche Tests sind bei Verdacht auf Reizdarm sinnvoll – und welche nicht?

Autor: Friederike Klein

Die Symptome bei einem Reizdarm können Schmerzen, Diarrhö, Flatulenz und Obstipation umfassen – einzeln oder in Kombination. Die Symptome bei einem Reizdarm können Schmerzen, Diarrhö, Flatulenz und Obstipation umfassen – einzeln oder in Kombination. © iStock/bymuratdeniz

Bevor man die Diagnose Reizdarmsyndrom stellen kann, gilt es, andere mögliche Ursachen der Beschwerden auszuschließen. Eine reine Ausschlussdiagnose ist der Reizdarm dennoch nicht. Das wird auch in der Leitlinie ersichtlich sein, die Experten derzeit überarbeiten.

Die Diagnosestellung anhand von Positivkriterien stärkt die Arzt-Patienten-Bindung und die Adhärenz“, betonte Privatdozentin Dr. Miriam­ Stengel, Gastroenterologin an der Helios Klinik Rottweil. Dafür müssen zuallererst die Anamnese sowie das Muster und das Ausmaß der Beschwerden mit einem Reizdarm vereinbar sein. Als Nächstes gilt es gemäß der in Vorbereitung befindlichen Leitlinie, alle relevanten Krankheiten, die mit denselben Symptomen einhergehen können, gezielt auszuschließen.1

Die Symptome können beispielsweise Schmerzen, Diarrhö, Flatulenz und Obstipation umfassen – einzeln oder in Kombination. Ausschlaggebend ist lediglich, dass die Patienten durch die Beschwerden relevant beeinträchtigt werden.

Warnhinweise für andere, teils schwerwiegende Ursachen solcher Symptome sind:

  • Gewichtsverlust
  • Fieber bzw. Entzündungszeichen
  • Blut im Stuhl
  • Anämie
  • kolorektales Karzinom in der Familienanamnese
  • stärker werdende Beschwerden
  • neue oder akute Beschwerden, kurze Anamnese (Tage/Wochen, < drei Monate)
  • nächtliches Auftreten der Symptome

Eine Differenzialdiagnose, die es auf jeden Fall auszuschließen gilt, sind Karzinome. Wenn die Symptome erst seit weniger als drei Monaten bestehen, ist das Risiko für Kolorektaltumoren um das 8,4-Fache erhöht.

Reizdarmähnliche Symptome auch bei Crohn oder Zöliakie

Ovarialkarzinome äußern sich bei 85 % der Betroffenen mit typischen Reizdarmbeschwerden. Häufig sind diese die ers­ten Zeichen überhaupt, bis zur Diagnosestellung dauert es meist mehr als sechs Monate. Neuroendokrine Tumoren können insbesondere schwere Diarrhöen verursachen. Reizdarm­ähnliche Symptome treten aber auch bei einer Zöliakie sowie bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen auf, vor allem dann, wenn der Dünndarm beteiligt­ ist.

Neben diesen Erkrankungen kommen Malabsorption, Darmmotilitätsstörungen, eine Divertikulose, eine Fehlbesiedelung des Darms, Inkontinenz oder gynäkologische Ursachen infrage. Wichtig ist auch die Medikamentenanamnese, betonte Dr. Stengel. Denn hinter Blähungen, Diarrhö, Verstopfung und Schmerzen können sich auch Medikamentennebenwirkungen verbergen.

Tipps zur Ernährung

Ernährungsanpassungen gehören zu den Allgemeinmaßnahmen, die jede Therapie des Reizdarmsyndroms begleiten sollten. Allgemeingültige Empfehlungen für alle Patienten gibt es dabei nicht, erklärte Professor Dr. PETER LAYER vom Israelitischen Krankenhaus in Hamburg. Vielmehr sind individuelle Empfehlungen anhand der vom Patienten genannten Symptome und Trigger sinnvoll.

Wichtig ist, dass die Patienten nicht von sich aus unnötige Karenzmaßnahmen ergreifen. „Gerade Patienten mit Reizdarmsyndrom neigen dazu“, betonte er. Alle Diäten und Karenzmaßnahmen sollten daher therapeutisch begleitet und bei fehlendem Erfolg rasch beendet werden. Sonst besteht die Gefahr einer Mangelernährung. Viele Patienten mit Schmerzen, Diarrhö und Blähungen haben gute Erfahrungenmit der Low-FODMAP-Diät gemacht. Beachten sollte man dabei, dass diese relativ restriktive Diät nur befristet und mit begleitender medizinischer Ernährungsberatung erfolgt, betonte Prof. Layer.

Ballaststoffe und Laxanzien eignen sich bei obstipationsbetonten Reizdarmsymptomen, Probiotika bei Schmerzen, Diarrhö und Blähungen. Bestimmte Probiotika konnte Prof. Layer allerdings nicht empfehlen. „Probieren Sie es aus“, riet er. Am Ende gelte: „Wer heilt, hat recht“. Allerdings sollten alle Maßnahmen und Therapien, die nicht erfolgreich sind, spätestens nach drei Monaten beendet werden.

Die Basisdiagnostik bei Beschwerden, die auf ein Reizdarmsyndrom hinweisen, sollte daher laut der Kollegin die folgenden Schritte beinhalten:

  • Anamnese:
    • allgemein (Alarm- und extraintestinale Symptome)
    • Medikamente
    • Ernährung
    • psychosoziale Faktoren
  • körperliche und rektale Untersuchung
  • Basislabor inkl. Zöliakie-Antikörper
  • Stuhluntersuchung (pathologische Keime, Calprotectin)
  • Abdomensonographie
  • bei Frauen: gynäkologische Untersuchung
  • symptomabhängig individuelle Zusatzdiagnostik

Eine einmalige Koloskopie gehört bei allen Patienten mit Reizdarmsymptomen zur Abklärung dazu.

Biomarker- und IgG-Tests bringen keinen Nutzen

Alle genannten diagnostischen Schritte sollten einmal umfassend durchgeführt werden. Eine Wiederholungsdiagnostik ist unbedingt zu vermeiden – auch wenn der Patient diese wünscht, betonte Dr. Stengel. Denn wenn die erste Abklärung gründlich erfolgt, bleibt die Diagnose Reizdarmsyndrom in 97 % der Fälle auch bei erneuten Untersuchungen stabil. Komplett sparen kann man sich laut Dr. Stengel Biomarkertests jeglicher Art. Auch eine mikrobielle Analytik der kommensalen Darmmikrobiota und die Tes­tung auf nahrungsspezifisches IgG werden in der aktualisierten Leitlinie weiterhin ausdrücklich nicht empfohlen werden.

* Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten

Quelle: 1. Layer P et al. S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie, AWMF-Register-Nr. 021-016 (Überarbeitung in Vorbereitung)