Wie sich Ärzte vor psychischer Überlastung im Arbeitsalltag schützen

Autor: Friederike Klein

Hohe Belastungen im Arbeitsalltag führen bei vielen Ärzten zu einer psychischen Störung. Hohe Belastungen im Arbeitsalltag führen bei vielen Ärzten zu einer psychischen Störung. © Krakenimages.com – stock.adobe.com

Zahlreiche Kollegen entwickeln im Verlauf ihrer Karriere eine psychische Störung. Womöglich bleibt Ihnen das erspart, wenn Sie einige der folgenden Strategien beherzigen.

Kaltlassen dürften diese Zahlen niemanden: Etwa jeder Fünfte, den Dr. Ahmad Bransi in der Oberberg Fachklinik Weserbergland in Extertal-Laßbruch behandelt, ist Arzt. Damit bilden seine Patienten den bundesweiten Durchschnitt gut ab: 15–20 % der Kollegen entwickeln während ihres Arbeitslebens eine psychischen Störung. Häufig handelt es sich dabei um Abhängigkeiten, meist stoffgebunden. Mehr als jeder Zehnte sei davon betroffen, berichtete der Psychiater. Längst wisse man um die hohe Suizidrate unter Ärzten, die zwei bis drei Mal über der der Allgemeinbevölkerung liegt. Dafür gebe es viele Ursachen, aber sicher spielen auch aktuelle Arbeitsbedingungen eine große Rolle, ist Dr. Bransi überzeugt.

Da wären zum einen Ökonomisierung und beschleunigte Arbeitsbedingungen. Beides beschneidet die Interaktion mit dem Patienten, womit ein wichtiges Erfolgserlebnis der gelungenen Behandlung als Resilienzfaktor reduziert wird. Zudem fühlen sich Ärzte mehr und mehr dadurch frustriert, dass sie zwar weiterhin die volle medizinische Verantwortung tragen. Gleichzeitig können sie die Prozesse aber immer weniger steuern und beeinflussen, sagte Dr. Bransi. Auch nehme die Gewaltbereitschaft von Patienten und deren Angehörigen gegenüber den Kollegen zu, weshalb in vielen Notaufnahmen bereits Sicherheitsdienste engagiert wurden.

Auch der Arbeitgeber kann viel bewirken

„Nicht zuletzt haben alle Ärztinnen und Ärzte genügend Leid in ihrem Berufsleben gesehen, das Ursache für posttraumatische Belastungssyndrome sein kann“, führte der Psychiater aus. Zwar sei es selbstverständlich, dass nach Einsätzen für Polizei und Feuerwehr ein Debriefing angeboten wird. Bei Ärzten scheint man aber immer noch davon auszugehen, dass sie Leid aushalten und damit umgehen können, sagte der Kollege. Dem nicht genug, kommen weitere bekannte Faktoren hinzu, zum Beispiel lange, oftmals ungeregelte Arbeitszeiten, Schichtdienste, Zeitdruck und ein Übermaß an Bürokratie. Zusätzlich belasten mangelnde Anerkennung, hohe Erwartungen von Patienten oder die Angst vor Behandlungsfehlern – einschließlich ihrer juristischen Folgen.

Der schwierige Patient

Erfahrungsgemäß muss man einiges an Überzeugungsarbeit leisten, um Ärzte zu einer Psychotherapie zu bewegen, sagte Dr. Bransi. Seiner Ansicht nach tun sie sich oftmals schwer damit, in die Rolle des Patienten zu schlüpfen, akzeptieren ihre Krankheit nur eingeschränkt und möchten sich weiter als jemand sehen, der psychisch stabil, stets hilfsbereit und belastbar ist.

In der Therapie selbst sprechen sie dann „auf Augenhöhe“ mit dem Therapeuten. Die kollegiale Ebene soll emotionale Distanz erzeugen, ist sich der Psychiater sicher. Bei Behandlungsplänen fordern sie möglichst viel Mitspracherecht. Vertrauen? Eher schwierig, meinte Dr. Bransi. Daher verwundere es nicht, dass Arztpatienten Absprachen und Regeln recht häufig missachten.

Auf der anderen Seite bringen sie Vorteile mit, die man in der Behandlung nutzen kann. So weisen Ärzte meist ein intaktes soziales Stützsystem auf, sind in der Regel durchhaltefähig und selbstkontrolliert. Auch das vorhandene medizinisch-therapeutische Wissen der Kollegen kann manchmal hilfreich sein, sagte Dr. Bransi.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht, die Dr. Bransi seinen Zuhörern mitbrachte: Ärzte können aktiv etwas dafür tun, um psychisch gesund zu bleiben. Sich einen Coach oder Supervisor suchen, kognitiv-behaviorale Techniken erlernen, etwa zum Problemlösen und Entspannen oder sich Unterstützung aus dem sozialen Umfeld holen.

„Mit Stressverarbeitungstechniken und der Auseinandersetzung mit der Arztrolle müsste eigentlich schon im Studium begonnen werden“, ist Dr. Bransi überzeugt.

Institutionelle Maßnahmen sind laut dem Kollegen sogar noch einen Tick effektiver als die genannten individuellen Ansätze. Dazu zählen z.B. eine Neustrukturierung des Arbeitsplatzes bzw. der Arbeitsorganisation, kürzere Arbeitszeiten, Evaluation,eine verbesserte Kommunikation und Feedbackkultur oder Mentoringprogramme.

Dass solche Strategien funktionieren, zeigt sich eindrucksvoll an jenen Ärzten, die nicht erkranken – immerhin vier von fünf Kollegen. Was machen sie „besser“? Sie nutzen Ressourcen und Methoden, um ihre Resilienz zu stärken, erklärte Dr. Bransi. Zum Beispiel:

  • Beziehen Sie Gratifikation aus der Arzt-Patient-Beziehung und der medizinischen Leistung.
  • Planen Sie bewusst Freizeitaktivitäten, wie Sport oder Kultur.
  • Bauen Sie ritualisierte Pausen ein. Diese nehmen Druck von verschiedenen Entscheidungen.
  • Pflegen Sie ein Netzwerk und tauschen Sie sich mit Kollegen aus – das gibt Sicherheit und Rückhalt.
  • Reagieren Sie auf fehlende Kompetenzen, Komplikationen oder Behandlungsfehler, indem sie Kollegen anrufen, (informelle) Informationen einholen oder das Problem in Qualitätszirkeln thematisieren.
  • Vernachlässigen sie weder Familie noch Freunde. Beides bringt einen Fokuswechsel und erdet.
  • Nehmen Sie sich bewusst und regelmäßig Zeit zur Selbstreflexion.
  • Setzen Sie sich klare Grenzen, auch in der Arzt-Patient-Beziehung („Abgrenzen ist besser als enttäuschen.“).
  • Bilden Sie sich für eine professionelle Leistungsfähigkeit weiter.

Quelle: DGPPN* Kongress 2019

* Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde