Zentren für personalisierte Medizin sollen Fortschritt schnell verfügbar machen

Autor: Friederike Klein

Genetische Diagnostik und individualisierte Therapien sind Mittelpunkt der Zentren für personalisierte Medizin. Genetische Diagnostik und individualisierte Therapien sind Mittelpunkt der Zentren für personalisierte Medizin. © iStock/mevans

Der Off-Label-Einsatz von onkologischen Therapien steigt mit der rasch wachsenden Zahl molekularer Zielstrukturen weiter an. Zentren für personalisierte Medizin sollen in Baden-Württemberg möglichst vielen Patienten einen kontrollierten Zugang zu den Behandlungen ermöglichen.

Eine Sachstandsanalyse zur personalisierten Medizin in Baden-Württemberg hatte ergeben, dass der Fortschritt der personalisierten Medizin nur dann für eine größere Zahl von Patienten nutzbar gemacht werden kann, wenn sich Versorgungsstrukturen ändern. Dabei sollte sich eine neue Struktur an Kompetenzen und nicht an Entitäten orientieren – die Idee des Zentrums für personalisierte Medizin (ZPM) war geboren. Im Februar 2015 wurde das erste ZPM in Tübingen gegründet, berichtete Professor Dr. Nisar Peter Malek, Medizinische Klinik I der Universität Tübingen.

Neue Erkenntnisse durch strukturierte Datenerfassung

Das ZPM soll kontrolliert und qualitätsgesichert neue personalisierte Versorgungsleistungen bieten, auf der anderen Seite aber auch Patienten und die Solidargemeinschaft vor nicht-indizierten Therapien schützen. Im Rahmen der Versorgung am ZPM sind individuelle Heilversuche, der Einsatz von Medikamenten, die nur für eine andere Indikation zugelassen sind oder für die ein Compassionate-Use-Programm besteht, möglich. Dieser Einsatz wird aber zwingend an die sys­tematische qualitätsgesicherte Erfassung von Daten zu Diagnostik, Therapieentscheidung und Verlauf geknüpft, um einen Erkenntnisgewinn zu ermöglichen, schilderte der Referent.

Immer mehr Kosten können erstattet werden

Die Kostenträger wurden seit Beginn an den Planungen zum Zentrum für personalisierte Medizin beteiligt. Ab 2020 sollen sie sowohl Leistungen für die molekulare Diagnostik und die Struktur des Tumorboards als auch bestimmte Personalkosten erstatten. Eine pauschale Freigabe von Off-Label-Therapien im Rahmen des ZPM gibt es allerdings noch nicht, es erfolgen zumindest stichpunktartig Überprüfungen. Prof. Malek hofft aber, dass es dafür zukünftig Kontingentlösungen geben wird.

Über den Einsatz der genetischen Diagnostik und individualisierten Therapien entscheidet ein interdisziplinäres Gremium in einem molekularen Tumorboard. Der Einsatz von Off-Label-Medikamenten erfolgt im interdisziplinären Konsens und nach Zustimmung durch die Krankenkasse.

Die Zahl der Anmeldungen zum molekularen Tumorboard sind im ZPM in Tübingen seit 2015 kontinuierlich gestiegen und umfassen derzeit praktisch alle soliden Tumoren, vor allem Hirn-, Kolon-, Haut-, Brust- und Pankreastumoren. Mehr als zwei Drittel der untersuchten Karzinome wiesen laut Prof. Malek behandelbare Veränderungen auf. Etwa 30 % der Patienten mit solchen Befunden erhielten eine entsprechende Therapie und ungefähr die Hälfte davon sprach auf diese an.

Um Evidenz für diese Therapien zu generieren, wurden die Daten am Universitätsklinikum Tübingen in einer integrierten Datenbank zusammengeführt, die derzeit Daten von 1,7 Millionen Patienten und über 1700 Studien registriert. Die Bereitschaft zur umfassenden Datenspende von Seiten der Patienten war hoch: Nach entsprechender Aufklärung stimmten 88 % von ihnen der Datenverarbeitung und dem Biobanking zu.

Inzwischen wurden weitere Zentren für personalisierte Medizin an den Universitätskliniken Freiburg, Heidelberg und Ulm etabliert. 2020 will man regionale Versorgungsnetzwerke mit Krankenhäusern der Region einführen. Die molekulare Diagnostik soll dann am Zentrum erfolgen, an dem auch das molekulare Tumorboard stattfindet. Beteiligte Krankenhäuser können zudem via Telemedizin teilnehmen. Die Behandlung selbst bleibt Aufgabe der regionalen Zentren. Der Referent stellte allerdings klar, dass jedes teilnehmende Krankenhaus an der standardisierten Erfassung von Daten teilnehmen müsse. Die Anforderungen seien dabei ähnlich hoch wie bei klinischen Studien.

ZPM auch für andere Disziplinen denkbar

Ginge es nach Prof. Malek, würde die Struktur des Zentrums für personalisierte Medizin zukünftig auch auf Bundesebene ausgerollt – und das nicht nur in der Onkologie. Auch andere Fachgebiete wie die Immunologie oder die Neurologie könnten die Struktur übernehmen, glaubt er.

Quelle: DGHO-Jahrestagung 2019