Die Verrohung der Sprache: vulgär, hetzend, menschenverachtend

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Barbara Lubisch, Vorsitzende der Deutschen Pyschotherapeuten-Vereingiung. © iStock.com/lemonadeserenade, Holger Gross

„Macht Sprache Gewalt“. Unter diesem Titel lud die Psychotherapeuten-Vereinigung zum Gespräch über die Verrohung der Sprache ein. Eine Antwort darauf zu finden, wie sich diese gesellschaftliche Entwicklung bremsen lässt, gestaltet sich schwierig.

Die Verrohung der Sprache ist immer wieder Thema von Debatten, wie zum Album der deutschen Rapper Kollegah und Farid Bang. „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“, heißt es in einem Song. Liedtexte voller vulgärer, menschen- und frauenverachtender Gewalt- und Sexfantasien sahen Ermittlungsrichter, die letztendlich aber eine Strafanzeige nicht weiter verfolgten. Auch Äußerungen von AfD-Mitgliedern im Bundestag und außerhalb reizen die Menschen. Zum Beispiel die Bemerkung des AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland, der die Zeit des Nationalsozialismus mit den Worten verharmloste, sie sei nur ein „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte. Verrohte Sprache gehört seit Langem zum Alltag von Jugendlichen. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband veröffentlichte deshalb 2016 das Manifest „Haltung zählt“. Hier heißt es, dass Lehrerinnen und Lehrer „mit Sorge die zunehmende Aggressivität in der Sprache und in den Umgangsformen“ in der Schule beobachten, aber auch in vielen Bereichen des Lebens – in der Politik, den Medien, sozialen Netzwerken. Extreme Gruppierungen und Personen würden den Boden für Zwietracht und Gewalt bereiten.

Äußerungen in der Diskussion über „Macht Sprache Gewalt“

  • „Um politisch aktiv zu sein, müssen wir aus unserer Rolle als Psychotherapeuten heraus und politisch Position beziehen.“
  • „Es ist schwierig, öffentlich Position zu beziehen, wenn man selbst angegriffen wird.“
  • „Ich glaube, wir haben als Psychotherapeuten bisher keine Antwort auf die Verrohung der Sprache, aber vieles ist in der Gesellschaft ja auch inzwischen erlaubt.“
  • „Kinder wachsen in Problemkiezen auf. Diese Kinder müssen wir stärker in den Fokus nehmen, damit sie die Chance haben, einen guten Umgang miteinander zu lernen.“

Die Lehrer appellieren deshalb an alle, die Gesellschaft vor Spaltung, Brutalität, Rücksichtslosigkeit und Radikalisierung zu schützen und die Demokratie zu bewahren. „Lassen wir uns nicht einschüchtern und setzen wir uns selbstbewusst und kompromisslos ein.“

Große innere Spannung: zum Opfer oder Täter werden?

In diesem Sinne sprachen sich auch die Teilnehmer der Veranstaltung „Psyche und Gesellschaft“ der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) für ein stärkeres eigenes Engagement gegen verrohte Äußerungen aus. „Wir sehen mit Sorge, wie sich die Atmosphäre und Sprache in unserer Gesellschaft zum Negativen verändert“, sagte die Bundesvorsitzende Dipl.-Psych. Barbara Lubisch. „Wir möchten dabei nicht tatenlos zusehen, sondern uns mit unserer fachlichen Expertise aktiv an einer konstruktiven Diskussion über mögliche Hintergründe und Handlungsmöglichkeiten beteiligen.“

Einblick in Ursachen für individuelle verbale Ausbrüche vermittelte Professor Rainer Richter, Psychotherapeut und ehemaliger Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. So gebe es Menschen, die es unter Druck nicht schafften, positive und negative Gefühle zu integrieren. Die Folge sei Angst und eine „wahnsinnige innere Spannung“. Dann gebe es zwei Möglichkeiten, zu reagieren: Täter oder Opfer werden. „Eine mittlere Position gibt es nicht“, so Prof. Richter. Als Täter werde dann versucht, andere ebenfalls in eine solche Situation zu bringen – verbal oder über eine körperliche Schädigung. Am Beispiel spalterischer Äußerung von Politikern, gerade aktuell in der Asyldebatte, machte der Psychotherapeut deutlich, dass Politiker über ihre Sprache zum Teil destruktiv wirkten. Der Zuhörer entwickele daraufhin eigene Impulse. Das könne im Aufregen über den Politiker münden (passive Wut) oder in einem bösen Brief an den Politiker, über dessen Wortwahl und Aussagen man sich geärgert hat (aktive Wut). Möglich sei aber auch die körperliche Schädigung des Gegenübers.

Die Frage sei, so Prof. Richter, inwieweit die Verrohung der Sprache Gewalt auslöst. Es gebe viele Belege, dass bei Kindern und Jugendlichen die Schwelle zur Gewalt sinkt. Ob das auch bei Erwachsenen so ist, dazu sei ihm keine Studie bekannt.

Sprachgebrauch verändert Wahrnehmung und Verhalten

„Durch einen negativ gefärbten Sprachgebrauch wird die Wahrnehmung verändert und in Folge auch das Verhalten“, zeigte sich Lubisch überzeugt. Wichtig sei deshalb, „sensibler und vorsichtiger mit der täglichen Sprache umzugehen, gerade auch in den elektronischen und sozialen Medien“. Scheinbare Anonymität im Netz dürfe nicht dazu verführen, unachtsam oder aggressiv mit anderen Menschen und Gruppierungen zu kommunizieren.

Psychotherapeuten sollten öffentlich mutiger auftreten

Der DPtV will sich nicht nur in die politische Debatte einbringen, sondern auch als Ansprechpartner für Fachkollegen, Bürger und „die Beteiligten im politischen Geschehen“ zur Verfügung stehen. Es gebe zudem noch andere Bereiche, wo Engagement nötig sei, z.B. bei Gewalt gegen Frauen oder bei Rassismus. „Wir sollten mutiger sein, nach außen aufzutreten“, forderte Lubisch. Zudem müsse der Fokus erweitert werden auf abwertende und gewalttätige Sprache gegenüber anderen.