Anti-Sommerzeit-Populisten klagen an

Kolumnen Autor: Erich Kögler

Die EU-Kommission solle die Vor- und Nachteile der Sommerzeit gründlich bewerten. © Fotolia/S.H.exclusiv

Zeitumstellung: was ändern oder Situation beibehalten? – in unserer Meinungskolumne "Mit spitzer Feder".

Quengelige, müde Kinder, verspätete Manager, verpasste Flüge, schlechter Sex, melkfaule Kühe, vergeigte Torchancen, Tausende Verkehrstote, übellaunige Assistentinnen, Jetlag-Kopfschmerzen und Depressionen: Anti-Sommerzeit-Populisten machen die Zeigerbeschleunigung für so ziemlich alles verantwortlich, was schiefläuft. Die Zeitverschiebung sei ökonomisch sinnlos und zu alledem gesundheitsgefährdend.

Der Bürokratiehengst ist schuld am platten Bambi

Nicht zu vernachlässigen: Durch die Umstellung fällt der Berufsverkehr mit der Dämmerung zusammen, in der besonders viel Wild unterwegs ist. Tausende tote Wildschweine, Bambis und Füchse zählen zu den Opfern des willkürlichen Eingriffs in die Zeitrechnung. Ich sehe sie vor mir, zerfetzt am Straßenrand – schuld die Bürokratiehengste, die schon zu Zeiten des Eingriffs im Jahr 1996 keine Ahnung von einfacher Mathematik hatten: Der ursprünglich zugrunde gelegte Nutzen der Zeitumstellung war die errechnete Energieeinsparung in Sachen Beleuchtung. Aber – Überraschung – dadurch wird im Frühjahr und im Herbst morgens mehr geheizt: plus minus null. Das können sie, die Bürokraten (zumindest, wenn es gut läuft): Nullsummenspiele.

Nun hat das Parlament der Europäischen Union die EU-Kommission aufgefordert, die bisherige Regelung der Zeitumstellung zu überprüfen. Die Kommission solle die Vor- und Nachteile der Sommerzeit gründlich bewerten. Falls notwendig, solle sie einen Vorschlag zu einer Änderung vorlegen. Mit mutigen Schritten voraus! Wenigs­tens in diesem Punkt sind sich alle Parteien halbwegs einig – und darin, dass die Frage der Zeitumstellung in der Prioritätenliste europäi­scher Politik nicht die vordersten Ränge belegt.

Aber haben die Zeit-Populisten wirklich recht – oder waren die Schulkinder nicht schon immer unausgeschlafen, wenn man sie geweckt hat? Hüpften die Kleinen, sagen wir im Jahr 1970, fröhlich aus dem Bett, munter und voller Wissbegierde auf dem Weg in die Schule pfeifend? Und geht es den Bauernverbänden wirklich um die Produktivität der lieben kuhäugigen Wesen oder nicht doch darum, dass ihre Klientel endlich nicht mehr ganz so früh aus den Federn muss?

Und wie sieht es mit den volkswirtschaftlichen Zeit-Argumenten aus? Selten plausibel, man erinnere sich nur an die Debatte um vermeintlich zu lange Studienzeiten im Kontext der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge. Heute studieren die jungen Leute schneller. Und haben von nichts mehr eine Ahnung. Pustekuchen also mit ökonomischem Nutzen.

Die Sommerzeit hat keinen utilitaristischen Wert – und das ist eine feine Sache, sie ist einfach nur sinnlicher Genuss. Laue Nächte, in denen man lange im Biergarten sitzen kann, entspannt nach der Arbeit dem Sonnenuntergang zuschaut oder so lange mit den Lieben draußen mit oder ohne sportliche Ambitionen herumtollt, bis man den Hund oder den Ball ganz langsam nicht mehr erkennen kann.

Die Sommerzeit bedeutet für viele Menschen eine temporär verbesserte Lebensqualität, sie verlängert, zumindest subjektiv empfunden, die schönsten Tage des Jahres. Und weil wir das Schöne oft nur dann zu schätzen wissen, wenn es endlich ist, passt es dann auch irgendwie mit der Winterzeit.