Arznei-Lieferengpässe – „nur Ausnahmen“

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

„Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind nie zu 100 % auszuschließen“, sagt vfa-Geschäftsführer Dr. Siegfried Throm. Echte Lieferengpässe seien allerdings nach wie vor die Ausnahme.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) ein Positionspapier zu Lieferengpässen von Arzneimitteln in den Krankenhäusern. Das rief ein großes Medienecho hervor. Dann ruderte die DKG allerdings zurück und erklärte, dass „die bisherigen Arzneimittel-Lieferengpässe von den Kliniken und Klinikapotheken weitestgehend aufgefangen werden konnten und deshalb insgesamt noch nicht zu einer Beeinträchtigung der Patientenversorgung geführt haben“.


Dr. Throm, beim vfa als Geschäftsführer für Forschung, Entwicklung und Innovation zuständig, beklagte, dass es keine öffentlich zugänglichen Daten gibt, die das tatsächliche Ausmaß von Lieferausfällen belegen. Er bestätigte, dass es Liefer­engpässe gibt, regelhafte Probleme sieht er jedoch nicht.

Wann genau liegt ein ernster Lieferengpass vor?

Dem vfa liegen Daten zweier großer Krankenhausapotheken vor. Sie zeigen, dass meist eine Versorgung mit gleichwertigen Präparaten möglich ist. So sind Tabletten gegen Bluthochdruck vielleicht nicht in der 50er-Packung lieferbar, wohl aber in der 100er-Packung. Oder ein Medikament ist nicht mit 20 mg Wirkstoff, sondern nur mit 10 mg verfügbar.


Versorgungsengpässe gibt es laut Dr. Throm lediglich dann, wenn ein Wirkstoff nicht oder nur in zu geringer Menge zu erhalten ist und keine Alternative zur Verfügung steht. Dies sei aber die Ausnahme.


Der vfa-Geschäftsführer kritisierte eine „zu weite“ Definition des Begriffs Lieferengpass bei den Krankenhausapotheken. Auch wenn heute angefragt und morgen nicht geliefert werde, gelte das offenbar als Versorgungsproblem. „Das können wir so nicht nachvollziehen“, so Dr. Throm.


Auch im Fall von Grippe­impfstoffen verweist der vfa auf mehrere Anbieter ähnlicher Präparate; in vielen Fällen sei ein Ausweichen medizinisch möglich. Allerdings werde das „mitunter durch rigide Verträge blockiert“, so der Verband.


Echte Versorgungsengpässe gab es laut Dr. Throm bei einigen älteren Krebsmitteln und Antibiotika. Als Beispiel nannte er Fosfomycin und Streptomycin. Diese Medikamente seien zeitweise nicht lieferbar gewesen, da sie aufgrund zunehmender Antibiotika-Resistenzen eine Renaissance erfahren hätten. Als „seltsam“ bezeichnete er, dass die Lieferausfälle in den beiden analysierten Krankenhausapotheken nicht zur gleichen Zeit auftraten.

Versuche, die Lage besser einschätzen zu können

Die Herstellerverbände BAH, BPI, Pro Generika und vfa fordern eine differenzierte Betrachtung: Nicht jede Lieferschwierigkeit verursache auch einen Versorgungsengpass. Wenn lediglich eine bestimmte Packungsgröße oder Wirkstärke eines konkreten Herstellers zeitweilig nicht lieferfähig sei, bedürfte das „keiner vertiefenden politischen Diskussion“.


Lieferengpässe gibt es auch im Ausland. Sowohl die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA als auch die europäische EMA sind deshalb aktiv geworden. So gibt es in den USA seit 2012 u.a. eine ausgeweitete Meldepflicht für Liefer­engpässe bei Arzneien gegen schwere Krankheiten sowie die Pflicht zum jährlichen Report durch die FDA.


Auch die EMA verfolgt einen Aktionsplan zur Erfassung von Lieferproblemen. Bestandteile sind eine öffentliche Webseite mit freiwilligen Meldungen von Engpässen sowie ein Formular zu Auswirkungen von Lieferproblemen auf Patienten.


Im Auftrag der KV-Vorstände bringt die KBV in die aktuellen politischen Gespräche die Idee einer „nationalen Arzneimittelreserve“ von Pharma-Industrie und Großhandel ein.


Quelle: Pressegespräch des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (vfa), Berlin, 2012

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