Bein gelähmt nach durchzechter Nacht

Kasuistik Autor: Edith Leisten

Kasuistik von Dr. Edith Leisten, Fachärztin für Chirurgie MVZ St. Marien GmbH Köln. © Edith Leisten

Es ist kurz vor Feierabend an einem Freitagnachmittag, da drängte ein Patient in die Praxis und bat um die Abklärung einer akuten Beinlähmung. Sie sei aus heiterem Himmel in der letzten Nacht aufgetreten ...

BeinIn Begleitung der Ehefrau schleppte sich ein sichtlich gestresst wirkender 56-jähriger Mann an Unterarmgehstützen in den Untersuchungsraum. Eine Belas­tung des rechten Beines war ihm nicht möglich, da es unter seinem Gewicht wegknickte. Deshalb zog er es hinter sich her. Im Laufe der Nacht sei es aus unerklärlichen Gründen zu dieser Lähmung gekommen, was ihn und seine Ehefrau verständlicherweise sehr beunruhigte.

Bei der Inspektion der unbekleideten Beine fiel im Seitenvergleich eine leichte Schwellung des rechten Oberschenkels sowie eine kleine Hämatomverfärbung über der Innenseite knapp oberhalb des Kniegelenks auf. Sensibilitätsstörungen bestanden nicht. Bei der Aufforderung, das rechte Bein von der Untersuchungsliege aus gestreckt anzuheben, gelang ihm das zwar aus dem Hüftgelenk heraus mit dem Oberschenkel, die Streckfähigkeit des Kniegelenks war dagegen komplett aufgehoben. Das lenkte den Verdacht bereits auf eine mechanische Ursache des Problems, was sich bei der Palpation des Oberschenkels bestätigte: Knapp oberhalb der Patella ließ sich eine tiefe, breite Delle tasten – beruhend auf einer kompletten Ruptur der Quadrizepssehne.

Zur weiteren Diagnostik führten wir eine Sonographie der Sehne durch, bei der wir die Dehiszenz der beiden Stümpfe gut erkennen konnten. Eine Röntgenuntersuchung des Kniegelenks in zwei Ebenen ergab keine frische knöcherne Verletzung, zeigte allerdings einen zumindest angedeuteten Patella-Tiefstand bei gleichzeitiger Verkippung des proximalen Patellapols nach ventral.

So ganz spontan war die Sehnenruptur allerdings nicht entstanden. Auf Nachfrage zu evtl. Ereignissen in der vorangegangenen Nacht berichtete der Patient schließlich, er habe am Abend zuvor bis tief in die Nacht in seiner Stammkneipe dem Alkohol kräftig zugesprochen und beim Verlassen der Lokalität eine Stufe übersehen. Das führte zu einem Sturz nach vorne auf das rechte Kniegelenk. Seine Zechkumpanen verfrachteten ihn dann in ein Taxi und irgendwie fand er den Weg ins Ehebett.

Die vorübergehende Stabilisierung des Kniegelenks mittels Mecronschiene erlaubte dem Patienten eine halbwegs sichere Vollbelastung des rechten Beines. Mit einer Einweisung ging es dann in die nächste Unfallchirurgie zur operativen Versorgung der Sehnenruptur.

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In der Sonographie lässt sich die Ruptur der Sehne anhand der Dehiszenz der Stümpfe gut erkennen. © Edith Leisten, Fachärztin für Chirurgie MVZ St. Marien GmbH Köln