Bezahlt uns die Zeit für Migranten!

Gesundheitspolitik Autor: Thomas Trappe

Die Kommunikation mit Migranten in der Praxis kann zeitaufwendig werden. Neben sprachlichen Hürden spielen auch kulturelle Unterschiede eine Rolle. © picture-alliance/dpa

Bei der Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund geht zu viel Zeit verloren, um die sprachlichen Barrieren zu überwinden, bedauern Kollegen. Ein „Gesundheitskiosk“ in Hamburg mit Muttersprachlern könnte ein Lösungsansatz sein.

Für Dr. Gerd Fass ist der Umgang mit Patienten mit Migrationshintergrund Alltag. Einfach ist es deshalb für ihn noch lange nicht. Dr. Fass ist niedergelassener Chirurg im Hamburger Stadtteil Billstedt. 50 % der Bevölkerung haben hier einen Migrationshintergrund, bei den unter 18-Jährigen sind es sogar 80 %. Das sorge immer wieder für sprachliche Barrieren und entsprechenden Frust bei Ärzten, sagt der Chirurg. „Wir erklären unseren Patienten viel, aber wir können es nicht immer wieder machen. Wir haben in unseren Praxen eine Schlagzahl von wenigen Minuten.“

In der Ärzteschaft gibt es laut Dr. Fass erheblichen Nachholbedarf. „Die Ärzte müssen sich mal bewegen. Die Bereitschaft, sich Arbeit zu machen, ist wahnsinnig gering.“

Rund 18 Millionen Menschen in Deutschland, also etwas mehr als 20 % der Bevölkerung, haben einen Migrationshintergrund. Allerdings zählen dazu auch viele, die zwar ausländische Wurzeln haben, aber keine kulturellen oder sprachlichen Barrieren überwinden müssen. Neun bis zehn Millionen Menschen haben einen ausländischen Pass, deutlich angestiegen ist die Zahl durch die Flüchtlingskrise.

Benachteiligung macht krank

Patienten mit Migrationshintergrund sind nicht per se kränker, betont Dr. Oliver Razum, Gesundheitswissenschaftler der Universität Bielefeld. Migranten wären in der Regel sogar gesünder als der Durchschnitt sowohl des Ursprungs- als auch des Ziellandes. Durch schlechtere sozioökonomische Bedingungen würde dieser Vorsprung aber im Laufe der Zeit obsolet und durch systematische Benachteiligungen schließlich ins Gegenteil verkehrt. „Menschen mit Mi­grationshintergrund haben eine 40 % geringere Chance, eine Reha-Maßnahme in Anspruch zu nehmen“, sagt der Gesundheitswissenschaftler. Das liege auch im Unverständnis von Ärzten und Pflegekräften begründet. „Die Menschen in unserem Gesundheitswesen sind zu schlecht auf die neuen Herausforderungen vorbereitet.“

Neben sprachlichen Barrieren auch kulturelle Unterschiede

Neben den sprachlichen Barrieren wird die ärztliche Behandlung oft durch kulturelle Unterschiede erschwert, beispielsweise bei den Auffassungen über psychische Erkrankungen oder der Einbindung von Familienmitgliedern bei Therapieentscheidungen.

Thorben Krumwiede, Geschäftsführer der Unabhängigen Patientenberatung, berichtet, dass sich die arabischsprachigen Anfragen in der Beratung im vergangenen Jahr verfünffacht haben.

Dr. Fass will die Kommunikationshindernisse angehen. Er ist Vorsitzender des Ärztenetzes Billstedt, in dem sich 40 der 120 Kollegen des Stadtteils zusammengeschlossen haben, um ihre Erfahrungen zu teilen.

Vor wenigen Monaten gründeten sie einen „Gesundheitskiosk“. Dorthin können Niedergelassene ihre fremdsprachigen Patienten mit Therapieempfehlungen schicken – und damit die Kommunikationshindernisse beseitigen. Im Kiosk arbeitet medizinisch geschultes Personal mit fließenden Fremdsprachenkenntnissen, oft Muttersprachler.

„Die Sprache ist zentral“, sagt Dr. Fass. Die Therapietreue und Zufriedenheit der bis jetzt rund 500 Patienten im Kiosk hätten sich erhöht, gleichzeitig sparten die Ärzte Zeit. Finanziert wird das Projekt aus dem Innovationsfonds. Ziel ist die Überführung des Hamburger Modells in die Regelversorgung.

Schwer zu erreichen: Familien aus Arabien und Osteuropa

Die türkischstämmige Dr. Hatice Kadem, Kinder- und Jugendpsychiaterin in einem MVZ im Berliner Bezirk Neukölln, bemerkt, dass vor allem arabische und osteuropäische Familien nur schwer zu erreichen seien, sowohl wenn es darum gehe, Kinder in Therapien zu bringen als auch bei Medikationsfragen.

Ihre Praxis könne erheblich weniger Patienten behandeln, weil sie viel Zeit für Kommunikation aufwenden müsse. Wünschenswert wären deshalb mehr Dolmetscherdienste und mehr Geld für interkulturelle Kommunikation. „Wir haben keine Zeit, uns dreimal pro Woche eine halbe Stunde mit demselben Patienten zu unterhalten. Die Motivation wäre eine andere, wenn es dafür eine Honorierungsmöglichkeit gebe“, so Dr. Kadem.