Den Fuß auf Eis, das Hirn in Wallung

Kolumnen Autor: Dr. Frauke Höllering

In der deutschen Wirtschaft ist ca. ein knappes Viertel der Mitarbeiter bereit, betrügerisch zu handeln, um sich Vorteile zu verschaffen. © fotolia/Elnur

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Das Ungleichgewicht zwischen der Ärzteschaft und anderen Branchen.

Geradezu aus der Bahn geworfen fühlte ich mich, als ein Fahrradsturz mir nicht nur eine unschöne Platzwunde im Gesicht und eine kaputte Brille bescherte (mehr Schaden hatte mein Helm glücklicherweise verhindert), sondern auch eine fußschmerzbedingte Gehbehinderung. Da half nur, die erzwungene Muße mit Lektüre zu füllen, und so widmete ich mich der Tageszeitung recht gründlich, froh darüber, noch eine alte Lesebrille gefunden zu haben.

"Korruption und Betrug steigen in Deutschland stark an!", las ich da, und war ein bisschen froh, dass es diesmal nicht gegen die Ärzteschaft ging. In der deutschen Wirtschaft sei ein knappes Viertel der Mitarbeiter bereit, betrügerisch zu handeln, um sich Vorteile zu verschaffen. "Ha", dachte ich, "und wir müssen uns verschämt umschauen, wenn der Pharmareferent einen Kugelschreiber an der Rezeption liegengelassen hat"! Während wir, seit Jahren beschimpft und verdächtigt, nicht einmal mehr ein Radiergummi guten Gewissens annehmen können, scheint man in anderen Branchen eher schmerzfrei zu sein. Warum kümmert sich keiner um dieses Ungleichgewicht?

»Schön pöbeln, aber keine Alternativen anbieten«

Weiter ging es im Wirtschaftsteil mit einem Bericht über den AOK-Pflegereport: "Mit Pillen ruhiggestellt!" "Zunehmend werden Menschen in Altenheimen sediert!", lauteten die Vorwürfe. Als langjährige Kassenärztin schnell bereit zur Selbstkasteiung, musste ich eingestehen: "Ja, auch ich verordne schon mal ein Neuroleptikum in niedriger Dosierung, wenn demente Patienten über Stunden brüllend oder weinend durch Flure geistern oder ihre Mitbewohner derart konsequent belästigen, dass die eigentlich nur noch sterben wollen. Aber ist das wirklich "chemische Gewalt" oder gar "chemische Fixierung", wie der Bremer Pharmaforscher Gerd Glaeske behauptet? Verordnen wir wirklich Neuroleptika, weil uns die Pflegenden dazu drängen, um den "Heimbetreibern höhere Gewinne zu bescheren"?

Die Gewinne der Heimbetreiber sind mir egal. Ich möchte nur das Leid jener Getriebenen mildern, die, von ihren eigenen Gespenstern gejagt, für die Mitbewohner zu Horrorgestalten werden und selbst mindestens ebenso darunter leiden. Keiner der Kritiker konnte sich offensichtlich vorstellen, dass es zwischen Abgeschossensein und psychotischem Geschrei noch ein Mittelding gibt. War überhaupt mal einer dieser Theoretiker in einem Seniorenheim?

Es sprach für sich, dass keiner der Fachleute irgendeine Alternative anzubieten hatte. Gewiss wäre mit einem besseren Personalschlüssel allerlei Leid zu mildern. Mit Sicherheit sind jene Kleingruppen, die neben intensiver Betreuung auch eine Bus-haltestelle haben, wenn ihnen nach Davonlaufen ist, ein hervorragendes Betreuungskonzept. Aber mit ebensolcher Sicherheit wird es auch in diesen Gruppen Menschen geben, deren Tagesform einfach medikamentöse Hilfe erfordert.

»Kosten für die Fitness aufteilen – geht‘s noch?«

Was tun wir denn mit jenen, die eben nicht in der perfekten Wohngruppe leben? Mit Sicherheit "schieße" ich sie nicht so ab, dass sie nur noch im Rollstuhl hängen oder im Bett vor sich hindämmern. Ja, Neuroleptika sind gerade bei Älteren nicht nebenwirkungsfrei, aber wo, bitte, ist die Alternative? Alle jene, die jetzt auf der Klägerbank sitzen, mögen bitte mal ein Praktikum in einem Heim machen, in dem schwer kranke Demente leben, und dann reden wir mal.

Und weiter gings in meiner Zeitung: Die Menschen bewegen sich zu wenig und man soll doch am besten die Kosten fürs Fitnesstudio aufteilen: ein Drittel für den Sportler, ein Drittel für den Arbeitgeber und ein Drittel für die Krankenkasse. Geht‘s noch? Wie wäre es stattdessen mit einer Mitgliedschaft in einem Turnverein, die ganz eigenverantwortlich abgeschlossen und bezahlt wird?

Mit meinem Fuß auf dem Eis drehte ich die Musik lauter, der "Elias" füllte strahlend mein Wohnzimmer. Und endlich machte mir meine Zeitung Spaß. Ich genoss den Artikel des Psychiaters und Theologen Manfred Lütz: "Warum Coaching unglücklich macht". Ein versöhnlicher Schlusspunkt, ein begeisternder Artikel eines klugen Mannes. Ganz ohne Rotwein ruhig gestellt war ich trotz Handicaps glücklich.