Denn sie wissen nicht, was sie tun

Kolumnen Autor: Erich Kögler

Erst jetzt wird in Großbritannien detaillierter über die Sachfragen des EU-Ausstiegs diskutiert. © Fotolia/Delphotostock

Brexit-Unsicherheit: Besonders betroffen sind britische Krankenhäuser, Arztpraxen und ambulante Versorgungseinrichtungen – in unserer Meinungskolumne "Mit spitzer Feder".

Entscheidungen von einer gewissen Tragweite wollen stets gut überlegt sein. Diese Binsenweisheit gilt für uns alle, Tag für Tag. Ob sich allerdings auch Politiker stets daran halten, darf jedoch bezweifelt werden. Ein gutes Argument für diese berechtigte Skepsis der Spezies Volksvertreter gegenüber liefert momentan die Brexit-Posse im Königreich. Auf der Insel nämlich kippt allmählich die Stimmung.

Erst jetzt wird in Großbritannien detaillierter über die Sachfragen des EU-Ausstiegs diskutiert. Und so wird deutlich, dass es nicht damit getan ist, ideologische Phrasen zu dreschen. Stattdessen erkennen die Briten mittlerweile, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass Waren und Dienstleistungen grenz­überschreitend gehandelt werden und dass Fachleute, Wissenschaftler und Studenten problemlos im Ausland arbeiten, forschen und studieren können.

Besonders betroffen von der Brexit-Unsicherheit sind britische Krankenhäuser, Arztpraxen und ambulante Versorgungseinrichtungen. Sie sind auf qualifizierte Fachkräfte aus der Europäischen Union angewiesen, doch seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 verlassen regelmäßig immer mehr davon die Insel als neue hinzukommen. Dementsprechend groß ist bereits heute der Personalmangel, was sich in teilweise chaotischen Zuständen vor allem in den staatlichen Kliniken widerspiegelt. Haben sich das die „Leave“-Befürworter in der Politik also vorher nicht richtig überlegt?

Qualifizierte Fachkräfte verlassen die Insel

Auch die britische Pharma-Industrie ist angesichts der anhaltenden Hängepartie zwischen London und Brüssel „not amused“. Doch wir müssen gar nicht über die Grenzen schielen. Auch hierzulande sind Zweifel durchaus angebracht. So manche Entscheidung der Berliner Parlamentarier lässt ebenfalls den Verdacht keimen, dass an deren Zustandekommen das Hirn nicht beteiligt war.

Schlimmer noch: Beim unwürdigen Spektakel eines fast halbjährigen Ringens um eine neue Regierung stand doch der Kampf um Machterhalt und Posten im Vordergrund. Und dann wundern sich die Damen und Herren über eine immer weiter um sich greifende Politik-Verdrossenheit oder über stetig steigende Umfragewerte einer Partei auf dem rechten Flügel.

Von tiefer Ahnungslosigkeit gezeichnete Fehleinschätzungen haben allenthalben die letzten Jahre geprägt, notwendige Kurskorrekturen wurden – wenn überhaupt – nur halbherzig in Angriff genommen. Vieles in den letzten Jahren war offensichtlich also nicht richtig überlegt. Wie hieß doch gleich noch der James-Dean-Film in den 1950er-Jahren? Ach ja: Denn sie wissen nicht, was sie tun …