Die Archäologen der Zukunft können uns egal sein

Kolumnen Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Von den Bronzestatuen der Etrusker hin zum Reflexhammer? Was würde man in der Zukunft im Grab eines Arztes finden? © wikimedia/waterborough; fotolia/Christin

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Die Grabaushebung der Etrusker und wie sich die Tätigkeit eines Arztes verbildlichen lässt.

Waren Sie schon in der Ausstellung „Das Leben der Etrusker“? Sie tourt derzeit durch Deutschland. Für viele Städte sah ich die Ankündigung, und nun hat es gepasst: Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Kurz zusammengefasst: Die Etrusker lebten im 1. Jahrtausend v. Chr. in Mittelitalien, beherrschten schon früh die Kunst der Eisengewinnung und der Metallverarbeitung. Sie hinterließen so gut wie keine schriftlichen Zeugnisse. Lediglich anhand von Schriften auf z.B. Statuen und Sarkophagen konnten die Archäologen ein Alphabet ableiten. Über ihr Leben wissen wir nur etwas durch die schriftlichen Überlieferungen von fremden, z.B. römischen Geschichtsschreibern. Und durch die eindrucksvollen Grabbeigaben, die in der Ausstellung zu bewundern sind.

In den Gräbern der Männer fanden sich Rasiermesser, Waffen, Rüs­tungsgegenstände, Pferdegeschirr. Ja, sogar einen ganzen Streitwagen konnten die Archäologen bergen. Amüsant fand ich eine Ansammlung von Werkzeugen, die wie ein antikes Grillbesteck aussahen und auch für das Braten von Fleisch verwendet wurden. Offensichtlich war das Grillen schon vor zweieinhalbtausend Jahren Männersache! In den Gräbern der Frauen hatte man Schmuck, Ketten, Ringe, erstaunlich filigran gearbeitete Armbänder und figürlich gestaltete Gefäße entdeckt, die zum Aufbewahren von Parfümölen und Salben dienten. Und natürlich gab es in der Gräbern zahlreiche Figuren der Götter, die den etruskischen Himmel bevölkerten.

Was ich allerdings vergeblich suchte, waren Grabbeigaben, die ich einem Arzt, einer Ärztin hätte zuordnen können. In vielen antiken Kulturen entdecken die Archäologen Instrumente, die zumindest den Nachweis einer chirurgischen Tätigkeit vermuten lassen. Bei den Etruskern nichts davon zu sehen. Waren sie nie krank?

Das kann nicht sein, denn sie werden beschrieben als feierfreudige Menschen, die gerne üppigen Banketten beiwohnten und zur Fettleibigkeit neigten. Erinnert uns das an etwas? Auch wenn die Menschen im Durchschnitt nicht alt geworden sind, müssten sie z.B. die Gicht gekannt haben. Und für Krankheiten sprechen auch die in der Ausstellung präsentierten Votivgaben. Wie in heutigen Wallfahrtskirchen manchmal noch zu sehen, wurde das Abbild des erkrankten Organs an eine Weihestätte gelegt. In der Vitrine lagen metallene Formen eines Kopfes, von Augen, eine Hand, eine Mamma, eine Ohrmuschel.

Ich besprach meine Beobachtungen beim Abendessen mit einer Freundin und Kollegin. Zunächst philosophierten wir ein wenig darüber, ob und ggf. wofür ein Stethoskop als Grabbeigabe im Jenseits nützlich sein könnte. Und ob davon für die künftigen Archäologen etwas übrig bleiben würde. Dann überlegten wir, welche Grabbeigaben wir uns für uns vorstellen könnten. Ich entschloß mich für meinen uralten Reflexhammer aus Studienzeiten, da dieser den höchsten Metallanteil hat und vermutlich am längsten überdauern würde.

Meine Freundin als Psychotherapeutin tat sich da schon schwerer und schwankte zwischen Kugelschreiber und PC. Schließlich versuchten wir, als der Abend schon fortgeschritten war, die Höhe des Grabhügels zu berechnen, in dem ein MRT untergebracht sein würde. Auch Radiologen haben schließlich ein Recht auf eine Grabbeigabe!

Aber bei allen Albernheiten wissen wir beide natürlich genau, unsere Tätigkeit als Hausärztin und/oder Psychotherapeutin ist flüchtig. Gespräche, vertrauensbildende Maßnahmen, Beratungen, körperliche Hands-on-Untersuchungen, Beziehungsarbeit – dies alles ist nicht in Gegenständen abbildbar. Unsere Tätigkeit beginnt mit den ersten zaghaften Anamnese-Gesprächen im Studium und sie endet, wenn wir uns vom Arztberuf verabschieden. Sie findet im Hier und Jetzt statt und bleibt höchstens bei einigen Wenigen in Erinnerung.

Und was die Archäologen betrifft: Es kann uns ja doch ziemlich egal sein, was die in zweitausend Jahren finden und worüber sie sich den Kopf zerbrechen werden!