Die besten Plätzchen backen Diabetikerinnen

Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Wie so oft bleibt für unsere Kolumnistin Frau Dr. Tauber-Bachmann wenig Zeit für die jährliche Weihnachtsbäckerei. Doch Dank Ihrer lieben Patienten fehlt es auch dieses Jahr nicht an Selbstgebackenem zum Fest.

"Weihnachten!“, pflegten meine Kinder früher zu sagen, als sie im Grundschulalter waren. „Weihnachten!“ war ein ganzjährig verwendeter Ausdruck für eine positive Überraschung – bei einem Geschenk ganz ohne Anlass, einer erfreulichen Nachricht, einer guten Note wider Erwarten oder einem gemütlichen Familientreffen. „Weihnachten“ als Synonym für gute Zeiten, für gute Gefühle.


Und während eine depressive Patientin vor mir sitzt und zum wiederholten Male klagt, dass sie sich zu nichts aufraffen könne, nichts schaffen würde, ihre Freundinnen bereits fünferlei verschiedene Weihnachtsplätzchen gebacken und das Haus weihnachtlich geschmückt hätten, frage ich mich, was der Begriff „Weihnachten“ wohl mittlerweile für eine Bedeutung hat. Erwähnt sollte noch werden: Dieses Gespräch fand Mitte November statt!


Für meine Patientin mit der Antriebsstörung ist das Wort „Weihnachten“ geradezu bedrohlich. Denn sie stellt zwar hohe Ansprüche an ihre Leistungsfähigkeit, doch merkt genau, dass sie diese nicht erfüllen kann. Zumindest nicht in diesem Jahr und mit ihrer Depression sowie ihrem Rheuma vielleicht nie mehr. Überflüssig zu bemerken, dass sie mit zwei verschiedenen Sorten Plätzchen auch nicht zufrieden wäre. Und mit Schmerzen durch Überlastung schon gar nicht.

Wenn der Patient auf Diät ist, darf der Doktor naschen

Doch der individuelle, der „hausgemachte“ Stress bleibt! Da lobe ich mir doch insgeheim das Hausärztin-Leben. Nur in wenigen Jahren meiner Praxistätigkeit gelang es mir, mehr als drei Sorten Plätzchen für Weihnachten zu backen. Vor dem dritten oder vierten Advent bestand schon gar keine Chance und ohne das Drängeln der Kinder hätte ich vermutlich gar nichts Selbstgebackenes zum Fest auftischen können. Ganz zu schweigen davon, dass die meisten dieser Produkte der Optik wegen nur innerhalb der Familie gegessen werden konnten.


Doch noch in jedem Jahr war Verlass darauf, dass liebe Patientinnen oder liebe Patienten-Frauen mich mit großen Tellern voller Plätzchen beglückten: „Frau Doktor, Sie haben doch sicher gar keine Zeit dafür“, so ihre Worte. Nein, hatte ich auch nicht und an meinem Gesichtsausdruck konnten sie mühelos erkennen, dass ihr Weihnachtsgeschenk ein Volltreffer war. Ja, freilich bekam ich an Weihnachten auch schon Likör- sowie Schnapspralinen und einige Flaschen Bocksbeutel – wir sind schließlich in Franken. Und in manchem Jahr fragte ich mich, ob meine Patienten mich für eine Alkoholikerin hielten.

Endlich wird die Backkunst wieder geschätzt

Aber mittlerweile scheint es sich herumgesprochen zu haben, dass die Doktorin und ihre Familie an den Feiertagen am liebsten Plätzchen futtern. Und da leben die passionierten Hausfrauen und Bäckerinnen so richtig auf: Endlich wird ihre Kunst wieder geschätzt, während die eigene Familie diese gar nicht mehr würdigt. Sei es, dass der Mann und die Kinder an diese Köstlichkeiten schon gewöhnt oder des Überflusses überdrüssig sind. Sei es, dass den Familienmitgliedern eine kalorienreduzierte Diät oder eine andere ernährungstechnische Einschränkung auferlegt wurde.


Für Letzteres bin ich wiederum oft verantwortlich und manchmal – aber ganz selten – habe ich auch ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich davon profitiere. Denn wir wissen es doch alle: Die besten Plätzchen backen die Diabetikerinnen! Nun ist Vorweihnachtszeit und es treffen die ersten Backkreationen, hübsch auf weihnachtlich gemusterten Tellern angehäuft, ein. „Weihnachten!