Dr. Julia Thiele: Engagement als Notärztin bei der Bergwacht

Gesundheitspolitik Autor: Caroline Mayer

Bergwacht Bayern

Egal ob die Sonne auf die Felsen brennt, ob es gewittert, stürmt oder schneit. Wenn die Leitstelle Dr. Julia Thiele anfunkt, muss sie hinauf auf den Berg.

Die 40-jährige Allgemeinärztin engagiert sich ehrenamtlich bei der Bergrettung. Als ausgebildete Bergwacht-Notärztin behandelt sie verunglückte oder erschöpfte Wanderer, Tourengeher und Skifahrer. Sie renkt ausgekugelte Schultern ein, spritzt Schmerzmittel, versorgt Brüche und Herzinfarkte.

Auf die Ausstattung, die ein moderner Rettungswagen bietet, muss sie dabei verzichten. "Die Arbeit am Berg ist immer etwas behelfsmäßig, die Einsätze können oft nicht standardisiert werden", erklärt Dr. Thiele.

Aber gerade dieses Improvisieren gefällt der Hausärztin, die seit drei Jahren in Unterammergau eine Praxis betreibt und in der Region auch im "bodengebundenen" Notarztdienst tätig ist.

Für die Ski-WM 2007 wurden explizit auch Ärztinnen gesucht

Von den Bergen war die gebürtige Allgäuerin schon immer fasziniert. Als sie beschloss, sich ehrenamtlich zu betätigen, drängte sich für die passionierte Bergsteigerin ein Engagement bei der Bergwacht geradezu auf.

Sie zögerte aber zunächst, in diese Männerdomäne einzudringen, die sich erst vor wenigen Jahren für Frauen öffnete: Bis zum Jahr 2007 gab es in der Garmischer Sektion keine einzige Frau. Doch als im Vorfeld zur Ski-WM 2011 ab 2007 in Garmisch Ärzte – und explizit Ärztinnen – für die Bergrettung gesucht wurden, bewarb sich Dr. Thiele.

Dreijährige Ausbildung mit Prüfung und regelmäßig Übungen

Mindestens drei Jahre dauert die Ausbildung bei der Bergwacht. In der Abschlussprüfung muss man zeigen, dass man in einem bestimmten Schwierigkeitsgrad sichern und selber einen Stand aufbauen kann. Dazu kommen bergrettungstechnische und medizinische Fragen sowie Konditionstests.

Im Wintereinsatz wird zusätzlich erwartet, dass man gut Ski fährt und sich mit Lawinen auskennt. Wer die Prüfungen bestanden hat, muss auch danach noch regelmäßig Übungen und Lehrgänge absolvieren, um für den Ernstfall vorbereitet zu sein.


Für ihre medizinische Tätigkeit bekommen die Bergwacht-Notärzte keinen Cent. Dr. Thiele stört das nicht. "Ich bin ehrenamtlich bei der Bergwacht und zufällig auch Ärztin", sagt sie. Neben den Notarzteinsätzen, die über eine eigene Handy-Schleife organisiert werden, macht die Hausärztin auch ganz normale Hüttendienste. Einsatzbereit ist sie aber meist nur außerhalb der Sprechstundenzeiten, da ihre Praxis zu weit von den Einsatzorten entfernt liegt.

Bei der Bergwacht werden ausschließlich ehrenamtlich tätige Notärzte eingesetzt, fest angestellte Ärzte gibt es nicht. Trotzdem komme es nur sehr selten vor, dass über die Handy-Schleife im Notfall niemand gefunden wird, erklärt Dr. Thiele. Die Bergwacht versuche in solchen Fällen, einen Hubschrauber-Notarzt anzufordern oder den Verletzten ohne Arzt ins Tal zu transportieren, wo dann ein Rettungswagen wartet. 

Männer-Kameradschaft für Frauen geöffnet

Damit dieses System weiterhin funktioniert, sucht die Bergwacht laufend Ärzte. Zwar sind die Einsatzzahlen in den vergangenen Jahren annähernd gleich geblieben, allerdings werden bei diesen Einsätzen immer häufiger Notärzte angefordert.

Dr. Johannes Schiffer, verantwortlicher Bergwacht-Notarzt in der Region, führt das darauf zurück, dass "ein Bewusstsein für den Anspruch auf eine medizinische Versorgung entsteht, die der Qualität der Straßenrettung entspricht".

Dieser Bedarf hat die Öffnung der Männer-Kameradschaft für Frauen offenbar beschleunigt. "Von den Frauen, die inzwischen bei der Garmischer Sektion sind, sind überdurchschnittlich viele Ärztinnen", berichtet Dr. Thiele. Sie kann die Tätigkeit bergbegeisterten Kolleginnen und Kollegen nur empfehlen. Im Gebirge sei die existenzielle Bedrohung deutlicher zu spüren, der Kontakt zu den Patienten sei daher intensiver.

Unvergessliche Momente, wenn die Seilbahn Funken schlägt

"Am Berg bedanken sich alle", sagt Dr. Thiele. Die Allgemeinärztin schwärmt außerdem von unvergesslichen Erlebnissen: "Wenn man bei Vollmond und sternklarem Himmel mit der Materialseilbahn – also in einer kleinen Holzkiste – vom Schachenhaus zur Meilerhütte hin­auffährt oder wenn es so gewittert, dass in der Seilbahn Funken schlagen, ist das schon einmalig."

Dr. Thiele kann sich auch an anrührende Begegnungen erinnern. Zum Beispiel an die 90-Jährige, die regelmäßig mit ihrem gleichaltrigen Mann in die Berge zum Wandern fuhr.

Bei einer Tour am Kramerplateauweg habe sich der Mann auf einer Wiese mit Blick auf das Wettersteingebirge zum Ausruhen hingelegt und sei nicht mehr aufgewacht. "Das war einerseits natürlich schrecklich, aber andererseits auch ein schöner Tod", sagt Dr. Thiele. Zu der Frau habe sie danach noch jahrelang Kontakt gehabt.

„Ich kann die Berge noch ein bisschen mehr genießen“

Die Bilder von Verunglückten, die sie im Kopf hat, haben der Ärztin die Freude an den Bergen nicht verdorben. "Seitdem ich bei der Bergwacht bin, kann ich die Berge sogar vielleicht noch ein bisschen mehr genießen", sagt sie.

"Ich bin eher ein vorsichtiger Mensch. Wenn ich beim Wandern oder Bergsteigen an einen Ort komme, wo ich schon einmal einen Einsatz hatte, blockiert mich das nicht, sondern ermahnt mich eher zur Wachsamkeit."