Dreieinhalb Jahre Weiterbildung im Praxisverbund

Gesundheitspolitik Autor: Michael Reischmann

„Die Hausarztmedizin kann man nicht im Krankenhaus erlernen“, meint Dr. Helmut Muhle. Darum bieten Haus- und Fachärzte in Rosenheim die ambulante Weiterbildung künftiger Allgemeinmediziner nicht nur in Hausarztpraxen an, sondern für zusätzliche Monate auch bei Fachärzten.

Das Ziel eint die Niedergelassenen im oberbayerischen Rosenheim: Auch künftig soll es ausreichend Hausärzte für die rd. 60 000 Einwohner der Stadt geben. Doch es fällt heute nicht leicht, junge Mediziner aus dem Krankenhaus zu locken, für die Hausarztmedizin zu erwärmen und sie an eine Region zu binden.

Vom Chirurgen zum Pädiater, vom Psychiater zum Hautarzt

Dr. Muhle und Kollegen glauben, dafür ein Modell gefunden zu haben. Sie organisieren einen eigenen Weiterbildungsverbund. Mit elf Facharztpraxen in der Stadt – Chir­urgen, Orthopäden, Kinderarzt, Neurologe, Psychiater, Hautarzt, Augenarztcentrum, Urologen – hat Dr. Muhle bereits Kooperationsverträge geschlossen, weitere sind in Planung.


Seine Absicht: Weiterbildungsassistenten für Allgemeinmedizin sollen nicht nur die üblichen 18 bis 24 Monate in Hausarztpraxen absolvieren, sondern weitere 24 bzw. 18 Monate in Praxen anderer Fachgebiete des Weiterbildungskatalogs, z.B. jeweils maximal sechs Monate beim Orthopäden, beim Pädiater und beim Psychiater oder auch maximal drei Monate beim Augenarzt oder Strahlentherapeuten.

Weiterbildung attraktiver gestalten

Somit müssten von den fünf Jahren Weiterbildung nur die anderthalb stationären Pflichtjahre Innere Medizin im Krankenhaus absolviert werden. Dort habe die Allgemeinmedizin meist keine Lobby, beklagt Dr. Muhle im Gespräch mit MT. Dar­um gelte es, die ambulante Weiterbildung attraktiver zu machen. Neu ist dabei nicht die Weiterbildungs-Stippvisite in einer Facharztpraxis, sondern die organisierte kollegiale Verbundweiterbildung.


Auf der Suche nach Weiterbildungsassistenten geht jede Hausarztpraxis bisher alleine vor und schaltet z.B. Anzeigen. Das entscheidende Argument, das Interessenten nach Rosenheim lockt, könnten dann – mit dem neuen Modell – die ambulanten Facharztstationen sein. Denn wer dreieinhalb Jahre an einem Ort bleiben kann, erwägt dafür auch z.B. einen Umzug aus Norddeutschland, sagt Dr. Muhle. Er ist der Organisator des Verbundes. Als er vor 30 Jahren sein Praktisches Jahr in Australien absolvierte, gab es dort damals schon die Rotationsstellen, erinnert er sich.


Der Weiterbildungsverbund kooperiert mit der Koordinierungsstelle Allgemeinmedizin bei der 
Bayerischen Landesärztekammer. Dr. Muhle nutzt ferner seine Kontakte zum baden-württembergischen Programm „Verbundweiterbildung plus“ am Uniklinikum Heidelberg.

3500-Euro-Förderung für 
Weiterbildung beim Facharzt

Den Anreiz für die weiterbildungsermächtigten Fachärzte, diese Ko­operation einzugehen, erklärt der Hausarzt mit der Besonderheit, dass allgemeinärztliche Weiterbildungsstellen mit 3500 Euro pro Monat (Vollzeit) von Krankenkassen und KV gefördert werden – das gilt auch für die Weiterbildungszeit in Facharztpraxen.


Das Geld dafür ist vorhanden; in Bayern wurde der Fördermitteltopf bis dato nie ausgeschöpft, heißt es bei der Koordinierungsstelle. Außerdem, so Dr. Muhle, könne ein Assistent nach sechs bis acht Wochen Einarbeitung bei einem sechsmonatigen Aufenthalt durchaus einen Benefit für die Praxis beisteuern. „Unser Modell lässt sich mit Engagement auf jede andere Region in Deutschland übertragen“, meint Dr. Muhle.

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