Drogenabhängige wissen um die laxe Entsorgung opioidhaltiger Schmerzpflaster

Gesundheitspolitik Autor: Heike Dierbach

Die gebrauchten Pflaster können bei unsachgemäßer Entsorgung in die falschen Hände geraten und so auch Kinder in Gefahr bringen. © fotolia/Dirk Peddinghaus

Schmerzexperten warnen vor zu langer Selbstmedikation und mahnen die richtige Entsorgung von gebrauchten opio­idhaltigen Schmerzpflastern an.

Der erste „Behandler“ eines Schmerzpatienten ist oft der Apotheker. 437 Millionen Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr für nicht verschreibungspflichtige Schmerzmittel aus – durchschnittlich 5,28 Euro pro Einwohner. Ohne Verschreibung gekauft werden vor allem Ibuprofen, Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Diclofenac.

Manchmal braucht ein Schmerzbetroffener vor allem den Rat des Apothekers, überhaupt erst mal zum Arzt zu gehen, denn viele Menschen versuchen es lange mit einer Selbstmedikation. „Wenn ein Schmerz über 24 Stunden anhält oder mehr als zehn Mal pro Monat auftritt, raten wir den Betroffenen dringend zu einer Behandlung“, sagt Berend Groeneveld, Vorstandsmitglied und Patientenbeauftragter des Deutschen Apothekerverbandes. Denn je länger ein Schmerz nicht behandelt wird und andauert, desto höher das Risiko einer Chronifizierung.

Leitfaden für Kliniken und Privathaushalte

Am Ende einer Schmerzentwicklung steht oft die Behandlung mit Opio­iden. Die meisten davon werden in Deutschland nicht in Form von Pillen oder Spritzen, sondern als Pflaster verabreicht – in Kliniken, Altenheimen, aber auch im Hausgebrauch. Was viele nicht wissen: Gebrauchte Pflaster enthalten noch rund 70 % des Wirkstoffs, meist Fentanyl. „Das wirkt bis zu 100 Mal stärker als Heroin und hat sich daher auch in der Drogenszene verbreitet“, sagt Professor Dr. Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK). Süchtige suchen sich die Pflaster aus dem Müll, kochen sie aus und spritzen sich dann den Stoff. Oder sie kauen direkt auf den Pflastern herum. Weil Fentanyl die Atmung dämpft, kam es so bereits zu Todesfällen.

„Es fehlt bislang eine genaue Anweisung des Gesundheitsministeriums, wie mit den gebrauchten Pflas­tern zu verfahren ist“, bemängelt Prof. Bienstein. Jede Klinik handhabe es so, wie sie möchte.

Der DBfK hat zu dem Thema eine Online-Umfrage unter Pflegekräften durchgeführt mit 1216 Teilnehmern. Ergebnis: Nur gut jeder Fünfte (22 %) sagte, dass es in seiner Einrichtung verbindliche Anweisungen gibt, wie mit gebrauchten opioidhaltigen Pflastern zu verfahren ist.

Wenn, wurden diese fast alle durch leitendes Pflegepersonal erlassen. Allerdings waren die Anweisungen teilweise nicht optimal. Knapp 40 % der Pläne sahen vor, die Pflaster nur zusammenzukleben. „Damit ist ein Auskochen immer noch möglich“, sagt Prof. Bienstein.

Der DBfK hat nun einen Leitfaden für den Umgang mit opiodhaltigen Schmerzpflastern herausgegeben. Empfohlen wird u.a. eine Entsorgung über den Behälter für benutzte Spritzen. Privathaushalte sollten die Pflaster in neutrales Papier wickeln.

Gewarnt wird auch vor Risiken für Angehörige. So hat es Todesfälle gegeben, weil Kinder mit den Pflastern gespielt haben und dadurch Opioide aufnahmen. In anderen Fällen hatten sich unbemerkt Klebeteile der Pflas­ter gelöst und wurden von Patienten auf Kinder übertragen. Der Leitfaden empfiehlt ferner einen Opioidausweis für Schmerzpatienten, sodass behandelnde Ärzte, etwa bei einem Notfall oder auf Reisen, die notwendigen Informationen haben.

Quelle: Leitfaden des DBfK: tinyurl.com/yawgtjct