Ein ganz normaler Montag mit der Ziffer 00000

Kolumnen Autor: Dr. Jörg Vogel

Ob Indiana Jones, Männer mit technischem Husten oder Teenies auf Rekordjagd: Langweilig wird es nie! © Fotolia/SG- design

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Viele Chroniker kommen ein zweites oder drittes Mal im Quartal, weil ihnen wieder etwas Neues eingefallen oder zugestoßen ist.

Am Montagmorgen ist in unserer Praxis immer Land unter. So wie wahrscheinlich in allen Arztpraxen Deutschlands. Kranke und Verletzte strömen zuhauf zum Doktor. Egal, ob eine Grippewelle im Umlauf ist oder nicht: sie strömen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil sie am Wochenende genug Zeit hatten, zu überlegen, weswegen sie heute mal wieder strömen könnten.

Mir ist aufgefallen, dass die ersten fünf Patienten des Montags meistens Männer sind. Ich nenne sie liebevoll meine „Indiana-Jones-Gruppe“. Schon kurz vor acht Uhr schleppen sie sich unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte in die Praxis und stöhnen: „Doktor, mich hat’s erwischt!“ (Heldenhafter Unterton: „Lasst mich hier liegen…! Schlagt euch alleine durch…!“) Frauen dagegen nehmen erst mal Ibuprofen, warten ab und gehen auf Arbeit. Nur, wenn es gar nicht geht oder der Chef sie schickt, kommen sie zu mir in die Sprechstunde. Es ist übrigens immer wieder faszinierend, dass es Frauen gibt, die trotz wirklicher Einschränkung durch Husten und Gliederschmerzen noch zu lächeln scheinen. Das ist unglaublich und verschönt mir den Beruf. Aber es ist auch selten.

Die Herren der Schöpfung dagegen wollen schon, dass die Welt erfährt, dass es ihnen schlecht geht. Deshalb schnäuzen sie sich mit der Lautstärke eines vorbeifliegenden Rettungshubschraubers in ein Taschentuch, das sich seit den Siebzigerjahren bereits in genau dieser Hosentasche befindet. Manche Männer wissen auch, dass der Hausarzt in seiner täglichen Arbeit als Erstes auf seine fünf Sinne angewiesen ist. Deshalb duschen sie extra nicht. Sie wollen damit zeigen: Doktor, schau her! Ich rieche auch krank!

Der Händedruck zählt an der Kasse nicht als Währung

Eine coole Subspezies unter den Montagspatienten sind Angehörige handwerklicher Berufe. Sie sagen oft so etwas wie: „Mir geht es nicht gut – erkältungstechnisch gesehen. Also insbesondere hustentechnisch.“ Ich frage mich dann immer, was die beim Husten für eine Technik entwickelt haben. Aber die machen wenigstens, was man ihnen sagt. Man muss ihnen nur einen eindeutigen Plan in die Hand geben. Dann werden sie prompt gesund und begrüßen mich bei der Wiedervorstellung mit dem „Bauleiterhändedruck“. Das heißt: Klodeckelgroße Pranke (zer)drückt zarte Doktorhand. Aber dafür gibt es ja Kühlakkus.

Ab 09.30 Uhr am Montag kommen auch schon die ersten Jugendlichen hereingeschneit. Sie müssen wahrscheinlich erst einmal ausschlafen, um in Ruhe krank werden zu können. Ihre Zahl wächst bis zum Mittag kontinuierlich an. Für diese jungen Patienten in der Grippezeit typisch: Sie sind auf Rekordjagd. 2016 hatten sie eine Wahnsinnsrüsselseuche, 2017 eine Mega-Erkältung, 2018 einen Giga-Husten ... Für 2019 ist dann wahrscheinlich ein Terra-Rotz zu erwarten.

So vergeht der Montagvormittag wie im Fluge. Vierzig bis fünfzig Patienten sind bei uns keine Seltenheit. Es wird auf jeden Fall nie langweilig. Nur eins ist leider Fakt: Je weiter das Quartal fortgeschritten ist, desto weniger Spaß macht so ein Montag. Denn viele dieser Montagspatienten sind keine Chroniker. Sie kommen aber trotzdem ein zweites oder drittes Mal im Quartal, weil ihnen wieder etwas Neues eingefallen oder zugestoßen ist. Oder sie haben keine Lust, für die anderen armen Kranken des Montags mitzuarbeiten und wollen jetzt auch einen gelben Urlaubsschein.

Ich behandle all diese Menschen stets genauso gut und gründlich wie immer, kriege aber höchstens noch einen Händedruck dafür. Nur nach der Sprechstunde im Supermarkt akzeptiert man diese Währung nicht. Deshalb plädiere ich in aller hausärztlicher Bescheidenheit für die Einführung einer weiteren Sonderziffer, auch wenn sie nur einen Cent wert sein sollte: die Ziffer 00000. Dann hat man zumindest das freudige Gefühl, auch im letzten Drittel des Quartals nicht umsonst gearbeitet zu haben!