Ein Gefühl der Nacktheit unter korrekt Gekleideten

Kolumnen Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Einfach mal weg mit dem Handy und persönlich kommunizieren – in den Städten wird „Digital Detox“ langsam zum Trend. © fotolia/Rawpixel.com

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Wie Digital Detox die Zeit anhält und man ohne Handy auch mal wirklich abschalten kann.

Warum ist es für die meis­ten Menschen so schwer, das rechte Maß zu finden? Um es vorwegzunehmen: Ich weiß es nicht. Aber natürlich dachte ich, dass ich zu denen gehöre, die es immer wieder schaffen. Aber ist dem wirklich so?

Letzte Woche bekam ich ein neues Handy. Das Display meines alten Smartphones zog sich eine deutliche „Spider-App“ zu und die Entzifferung mancher SMS wurde schon ziemlich schwierig. Das Überspielen der Daten gestaltete sich natürlich nicht so einfach wie gedacht und wie vom Verkäufer in Aussicht gestellt. Letztlich dauerte es einen ganzen Tag.

Kein Problem, sollte man meinen. Doch es war ein komisches Gefühl, einen Tag nur über Festnetz und nur zu den Praxiszeiten erreichbar zu sein. Ein Gefühl der Unruhe, der Unsicherheit, ja, der Nacktheit unter lauter korrekt gekleideten Menschen. War das nur ungewohnt oder bin ich schon auf dem besten Weg in die digitale Abhängigkeit?

Es ist keineswegs so, dass ich mein Handy überallhin mitschleppe. Ich kann es auch mal gut irgendwo lassen und schaue später auf die eingegangenen Anrufe und Nachrichten. Ich überlebe es auch gut, wenn ich mal einen Tag nicht meine Mails checke. Und manchmal ist am Freitagabend der Druck auf den Aus-Knopf die schönste und befreiendste Tätigkeit des ganzen Tages. Aber in dem Bewusstsein leben, dass das Gerät gar nicht funktioniert, das ist schon etwas anderes. Ein Gefühl wie bei einem kalten Entzug, zumindest einem kleinen.

„Digital Detox“ auf dem Land! Denn wie ich aus manchem Zeitungsartikel und schon live erleben konnte, ist Digital Detox zurzeit in den Großstädten schon große Mode. Wer etwas auf sich hält, kauft sich kein neues Handy, sondern benutzt ein gebrauchtes Retrogerät, mit dem man wirklich nur telefonieren kann, oder lässt es, ganz puristisch, komplett sein. Keine romantischen WhatsApp-Nachrichten mehr, wenn man/frau in der S-Bahn neben­einander sitzt? Keine Kontrollen mehr mit „Wo bist du bzw. was machst du gerade?“ und keine so sinnvollen Antworten mehr wie „Ich stehe gerade vor deiner Tür“.

Dafür aber persönliches Gespräch, eventuell sogar mit Blickkontakt und mehr Zeit durch Einsparen überflüssiger Mitteilungen. Auch ich gebe zu, dass ich selten so einen ruhigen Einstieg ins Wochenende erlebt habe. Und komisch: Die Zeit wurde nicht weniger durch den Wegfall des praktischen Geräts zur Zeitersparnis. Ganz im Gegenteil! Ich hatte das Gefühl, die Zeit würde langsamer verrinnen.

Nun hat mir ein netter Kollege einen Artikel zukommen lassen von einer armen Selbstständigen, die sich nicht traut, im Urlaub ihr Handy auszuschalten, weil sie Angst hat, einen Auftrag nicht zu bekommen und finanziell und beruflich abgehängt zu werden. In den USA soll es sogar Firmen geben, die ihren Angestellten unbegrenzt Urlaub genehmigen. Die Angestellten dieser Firmen nehmen aber im Durchschnitt zwei Tage weniger Urlaub als die Arbeitnehmer der anderen Firmen! Welch ein Druck!

Mit diesen Menschen habe ich Mitgefühl, ja. Aber als Angehörige eines Helfer-Berufes neigen wir ja auch eher zur Selbstausbeutung. Haben wir auch Mitgefühl mit uns? Den Druck machen wir uns doch selbst, obwohl wir uns als Niedergelassene Urlaub gönnen könnten, so viel und so lange wir wollen! Klar, nicht alles ist für die Existenz der Praxis förderlich, aber wo bleibt das rechte Maß? So viel Freizeit wie nötig und so viel Arbeit wie nötig. Und wenn wir zum rechten Maß kommen, dann müssen wir auch nicht ständig und überall erreichbar sein. Deshalb: Vergessen wir auch nach dem Urlaub nicht die Entschleunigung, die digitale Abstinenz, damit wir bis zum nächsten Urlaub gut und gesund durchhalten.

Ich selbst habe gleich mal das Wochenende geprobt und nur einmal in meine digitale Welt geschaut. Es ging tatsächlich. Das Wochenende war so lang wie schon lange keines mehr.