Einmal Arzt, immer Arzt – na denn prost!

Kolumnen Autor: Dr. Robert Oberpeilsteiner

Die ständige Verfügbarkeit von Ärzten wird vorausgesetzt. © fotolia/Monika Wisniewska

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Arzt im Urlaub - ja oder nein?

Bevor wir in den Flieger nach Amerika stiegen, knobelten meine Tochter und ich noch schnell was Wichtiges aus: "Ene – mene – muh und raus bist du!" Ich verlor dabei wieder einmal gegen sie. Das war für mich nichts Neues, es war in der Vergangenheit meist so. Wahrscheinlich mogelt sie irgendwie. Ach so, worum es ging? Tja, nein, nicht um den Fensterplatz, den gewährte sie mir großzügig. Wir klärten nur vorweg schon mal ab, wer von uns beiden zuerst aufsteht, falls die Durchsage ertönt: "Haben wir einen Arzt an Bord?"

Die Wahrscheinlichkeit mag ja gering sein. Und so mancher hat bestimmt bis ins Pensionsalter hinein nicht einen Notfall im Urlaub betreuen müssen. Aber wenn es passiert, dann bist du dran. Dann kannst du dich nicht darauf berufen, dass du vielleicht Psychiater bist und statt der Reanimation gerne die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung der Mitreisenden übernehmen würdest. Sie sind Arzt? Dann kommen Sie mal mit!

Das Vertrauen in unsere Kenntnisse ist plötzlich riesengroß. Und eine Öffentlichkeit, die beim geringsten Hus- ten nach dem Pulmologen schreit und sich bei einem Sonnenbrand stationär in die dermatologische Klinik einweisen lässt, fragt plötzlich nicht mehr nach Qualifikation. Wir haben ja einen Arzt an Bord. A.r.z.t! Das genügt. Egal, auch wenn die letzte gelungene Reanimation schon Generationen zurückliegt.

»Deutsche Rackerer definieren sich nunmal über ihre Arbeit«

Serien mit Titeln wie "Immer im Einsatz" suggerieren das Gefühl, der Arzt sei tatsächlich immer im Dienst. Daraus erwächst ja auch unser hohes Ansehen in der Gesellschaft, das trotz vieler Unkenrufe immer noch besteht. Man kann es zumindest so sehen. Ständige Verfügbarkeit wird dabei allerdings vorausgesetzt. Ob mit oder ohne Kittel.

Mancher sieht es sicher anders. Es soll Kollegen geben, die verschweigen im Urlaub, dass sie Mediziner sind. Und ich weiß von einem leitenden Notarzt, der bei seinen Autofahrten nur den obligatorischen Verbandskasten mitnimmt, den jeder mit sich zu führen hat. Denn er sagt, unser Notfallsystem sei so gut ausgebaut wie sonst keines auf der Welt. Da brauche man ihn nicht, wenn er gerade in Urlaub fährt. Hmm! Aber jemand, der täglich an der Front im Einsatz ist, wird wohl seine guten Gründe dafür haben.

Es muss aber nicht immer gleich ein Notfall sein. Das unvorsichtige Eingeständnis in entspannter Runde, mit Medizin etwas am Hut zu haben, führt oft dazu, dass ich mir sage, da hätte ich mir den Urlaub gleich sparen können. Die meisten, die ich im Urlaub treffe, quatschen mit mir bedauerlicherweise viel lieber über ihre Krankheiten als über meine Vorstellung von, sagen wir mal, bayerischer Leitkultur (welche, grob gesagt, das Gegenteil von Mia-san-mia wäre). Wie schade! Ich werde also auch im Urlaub wieder einmal reduziert auf meinen Beruf, was wiederum für uns Deutsche nichts Neues ist. Wir tüchtigen Rackerer definieren uns nun mal gerne über unsere Arbeit.

Zwischendurch fahren wir vielleicht mal nach Italien, um zu sehen, wie das richtige Leben eigentlich aussieht. Um in uns hineinzuhorchen, hey, da gibt es doch noch etwas, was dich auch ausmacht, so ein kleines Pflänzchen, das gehegt und gepflegt werden will und nichts mit Kreuzweh und Hämorrhoiden zu tun hat. Und während wir so vor uns hin träumen und entspannt das mediterrane Lüftchen genießen, weckt uns eine Stimme: "Sie sind doch Arzt! Könnten Sie nicht mal mitkommen ..."

»Beim United- Airlines-Flug eher einen Anwalt rufen«

Nun, ich denke, wenn man über den Tellerrand hinausblickt, ist es mit anderen Berufen oft ähnlich. Und so mancher Jurist wird wohl das gleiche zu erzählen haben. Wenn ich auch noch nie gehört habe, dass im Flieger ein Anwalt per Lautsprecher gesucht worden wäre. (Wobei, wie der Vorfall mit United Airlines aufzeigt, dies ein guter Rat sein könnte. Wie sie vielleicht gelesen haben, hat man jüngst einen älteren Arzt gewaltsam aus dem überbuchten Flugzeug geschleift, so rücksichtsvoll, als wäre er ein Trolley auf dem Gepäckband).

Kürzlich unterhielt ich mich in der Kneipe über eine halbe Stunde angeregt mit einem Kaminkehrer. Den interessierte meine Medizin nicht im Geringsten. Wie erfreulich. Aber ich weiß seither, welche Lüftungskanäle am Kaminofen zu öffnen sind, damit die "gludernde Lot" (wie Stoiber es einst sprachmächtig formulierte) sich so richtig entfachen kann. Na also, Kommunikation geht doch immer irgendwie! Dabei spielte es bald keine Rolle mehr, wie staubig und kanzerogen das Thema war. Wir spülten es sicherheitshalber mit einem zusätzlichen frisch gezapften Bier hinunter. Dieser Therapievorschlag kam von mir. Wie gesagt, einmal Arzt – immer Arzt.