Entführt: Was macht das mit der Seele?

Rezensionen Autor: Dr. Anja Braunwarth

The Other Girl von Maggie Mitchell © Ullstein Verlag

Mit zwölf Jahren entführt, nach zwei Monaten ohne sexuellen Missbrauch und unverletzt wieder frei: Welche Spuren hinterlässt das?

Zehn Jahre ist es her, dass Natascha Kampusch die Flucht vor ihrem Entführer gelang. Diese Tatsache mag zur Entstehung von "The other girl" von Maggie Mitchell beigetragen haben.

Der Roman erzählt die Geschichte zweier Frauen, die als 12-Jährige in die Fänge eines Mannes gerieten, der sie über zwei Monate lang in einer Hütte versteckte. Bei der Befreiung der beiden kam der Täter, der sich Zed nannte, ums Leben, er hinterlässt einen Sohn.

Knapp zwanzig Jahre später erhält der Leser zunächst im Wechsel Einblick in das aktuelle Leben der beiden, die keinen Kontakt mehr miteinander haben. Lois arbeitet inzwischen als Literaturprofessorin und hat unter Pseudonym ein Buch über die Entführung geschrieben, das verfilmt werden soll.

Carla May schlägt sich mehr schlecht als recht als Schauspielerin in Los Angeles durch, bekommt nun aber eine Rolle in dem geplanten Film angeboten. Sie schwankt zwischen Aufregung, weil am Set auch ein Wiedersehen mit Lois ansteht, und Empörung darüber, dass die Geschichte zeitweise stark von der Realität abweicht.

Der zweite Teil des Romans gibt lange Passagen von Lois Werk wieder und erzählt damit ausführlich über das Leben der Mädchen in der Hütte. Zeds Motive bleiben völlig unklar, fest steht, dass er die beiden gezielt ausgesucht hat. Er rührt sie nicht an, zieht sie aber offenbar mit gewaltigem Charisma tief in seinen Bann. Das führt dazu, dass Lois und Carla May überhaupt keine Fluchtgedanken hegen, obwohl es durchaus Gelegenheiten dazu gäbe. Und beide scheinen eher traurig als erleichtert, als die Zeit im Wald ihr Ende findet.

Der dritte Buchteil spielt wieder in der Gegenwart und steuert auf das Wiedersehen zu. Und während man anfangs fest davon überzeugt ist, dass Lois ihr Leben viel besser im Griff hat als Carly May, wendet sich nun das Blatt ein wenig. Lois, die von einem Studenten bedrängt wird, steigert sich immer mehr in die Vorstellung hinein, dass er der Sohn von Zed ist. Carla May dagegen wächst recht souverän zunehmend in die geplante Filmrolle hinein. Die Begegnung der beiden lässt dann schließlich die Vergangenheit noch einmal aufleben.

"The other girl" ist in recht einfachem Stil geschrieben und auch wenn es sich nicht um einen klassischen Thriller handelt, tragen die wechselnden Perspektiven dazu bei, dass die Spannung erhalten bleibt. Maggie Mitchell gelingt es gerade damit, dem Leser einen guten Einblick in die Seele der zwei Frauen zu gewähren. Und so kann man sich vorstellen, welche Auswirkungen ein solches Trauma je nach Charakter der Betroffenen haben kann.

Fazit: Eine kurzweilige Lektüre, die unterhält, aber durchaus auch mehr als nur oberflächliche Betrachtungen der Psyche zweier verwundeter Menschen bietet.

Maggie Mitchell: "The Other Girl"

Ullstein Verlag

ISBN-13 9783471351123