Etwas Geduld bitte, liebe Eltern!

Kolumnen Autor: Erich Kögler

Im Ausland gibt es Tests, mit denen zukünftige Eltern – unabhängig von deutschem Gesetz und ärztlicher Beratung – schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt das Geschlecht herausfinden können. © Fotolia/transurfer

Abtreibungen aufgrund des Geschlechts sollen vermieden werden – in unserer aktuellen Meinungskolumne "Mit spitzer Feder".

Der deutsche Gesetzgeber hat klare Regelungen vorgegeben: Ärzte dürfen hierzulande künftigen Eltern das Geschlecht des Ungeborenen nicht vor der zwölften Schwangerschaftswoche mitteilen. Im Rahmen der sogenannten Fristenlösung ist nämlich bis zu diesem Zeitpunkt ein straffreier Abbruch der Schwangerschaft möglich. Deshalb sind Mediziner gesetzlich verpflichtet, das Geschlecht bis dahin geheim zu halten, um Abtreibungen ausschließlich wegen des Geschlechts zu verhindern.

Im Ausland jedoch drängen derzeit Tests auf den Markt, mit denen zukünftige Eltern – unabhängig von deutschem Gesetz und ärztlicher Beratung – schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt das Geschlecht des Kindes herausfinden können. Über das Internet sind derartige Tests auch in Deutschland zu bestellen. In Amerika sind mittlerweile sogenannte „Gen­der Reveal Parties“ an der Tagesordnung, bei denen werdende Eltern das Geschlecht des zukünftigen Kindes im Familien- und Freundeskreis mit großem Brimborium verkünden und dabei Luftballons in der jeweils passenden Farbe aufsteigen lassen: rosa oder hellblau.

Unternehmer: „Hochrisiko-Kunden" erkennen

Bei allem Verständnis für die ungeduldige Neugier Nachwuchs erwartender Paare sollten derartige Entwicklungen bei uns tunlichst im Keim erstickt werden. Doch wie will man es angesichts der schier unendlichen Online-Möglichkeiten verhindern? Nathan Ngyuen, dessen Unternehmen die entsprechenden Tests zwar nach Deutschland, nicht aber nach China und Indien verschickt, verspricht, seine Verkaufsmitarbeiter gewissenhaft zu schulen. Sie sollen so in die Lage versetzt werden, „Hochrisiko-Kunden“, die aufgrund eines nicht erwünschten Geschlechts abtreiben würden, zu erkennen. Wie soll das funktionieren?

Keiner der Hersteller erklärt seine Vorgehensweise

Zudem ist die Verlässlichkeit fraglich. Angeblich weist im Urin der Schwangeren ein erhöhter Tes­tosteronwert auf einen Jungen hin. Wissenschaftlich fundiert ist diese Methode jedoch bislang nicht. Keiner der Hersteller erklärt denn auch explizit seine Vorgehensweise.

Wer sich per Test vorzeitig vermeintliche Klarheit verschafft hat, wird das wohl kaum an die große Glocke hängen. Daher gibt es auch keinerlei Zahlen darüber, wie viele Anwender es in Deutschland bereits gegeben hat. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass die Versuchung manchmal groß ist. Wer nach drei Mädchen gerne unbedingt einen Jungen hätte, könnte sich unter Umständen zu einer Abtreibung verleiten lassen, wenn auch der neue Fötus wieder weiblich wäre. Aus moralisch-ethischer Sicht wäre ein derartiges Handeln allerdings in höchstem Maße verwerflich.