Fake-News sind in der Medizin nichts Neues

Autor: Dr. Robert Oberpeilsteiner

Fake-News als solche zu erkennen, ist nicht zuletzt auch eine Frage von Information und Bildung, so Dr. Oberpeilsteiner. © fotolia/freshidea

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Fake-News im Medizin-Bereich.

Lasst mich ein bisschen jammern. Die mich kennen, werden sagen, bitte, nein, nicht schon wieder. Aber diesmal geht es nicht um, sagen wir mal, ein paar ominöse Benzinkostenrechnungen von Gesundheitsfunktionären. Diesmal geht es ums Ganze.

Denn bei uns sind die amerikanischen Wochen angebrochen! Fast täglich sprudeln neue Themen über den Atlantik. Wie Wasser aus einer angebohrten Leitung. Auch im gesundheitspolitischen Bereich. Jetzt gilt es, hinzuhorchen. Was tut sich jenseits des Teichs, das für uns wichtig ist?

Als Erstes hat sich, wie wir wissen, die Krankenversicherung drüben wieder geändert. Das heißt, wirst du, obwohl braver US-Amerikaner, von einem fetten Truck überrollt, so gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht für dich. Die vorgeblich gute: Der Karren, der dich niedergestreckt hat, ist künftig wahrscheinlich von deinen Jungs in Michigan zusammengeschraubt worden. Nicht mehr von irgendwelchen Mexikanern. Die schlechte Nachricht: Du solltest auf alle Fälle dein Portemonnaie fest in der ausblutenden Hand behalten. Denn das neue Versicherungssystem ist – kaum eingeführt – schon wieder out.

»Kopfpauschale klingt weniger sexy, aber dafür ehrlicher«

Ich ziehe einmal mehr den Schluss, dass aufgrund dieser Lehren unser Solidaritätsprinzip weiter geschätzt und gepflegt werden sollte. Man sollte vor allem nicht damit rumspielen. Und wenn es verändert werden muss – viele Selbstständige können es sich schlicht nicht mehr leisten –, dann sollte man es behutsam machen. Und sich nicht, wie es zurzeit geschieht, mit dem revolutionären Werbelogo "Bürgerversicherung" anwanzen.

Gegen das du als guter Bürger dich nichts zu sagen traust. Weil wir in unserem Genpool der Humanität seit 1789 die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit gespeichert haben. Ich würde als Bezeichnung für die geplante Einheitsmutante stattdessen lieber "die gemeine Kopfpauschale" vorziehen. Das tänzelt zwar nicht so schwebend auf der Solidaritätswelle. Aber es ist ehrlicher.

Da weiß ich als erfahrener Karl-May-Leser wenigstens, dass mir jemand den Skalp über die Ohren ziehen will. Das zweite Interessante in diesen amerikanischen Wochen ist der neue – recht robuste – Umgang mit der Wahrheit: Fake-News! Nachrichten also, die erstunken und erlogen wurden. Sie sind auch bei uns im Medizinbetrieb nicht unbekannt. Seit einiger Zeit schon sind Journalisten, Professoren und arbeitslose Doktoranden eifrig dabei, bekannte Unwahrheiten der Medizin quasi wissenschaftlich auf ihre Fake-News-Tauglichkeit zu prüfen.

Dabei ist freilich nichts wirklich Neues herausgekommen. (Mit medizin-transparent.at gibt es übrigens ein Informationsangebot über wirkungslose oder gefährliche Therapien.) Die Lügenstories im Internet reichen vom Betrug in der Krebsforschung bis zur lancierten Falschmeldung von Nebenwirkungen bei Impfstoffen. Also, wer vorher schon den gesunden Menschenverstand nicht ganz ausgeschaltet hatte, der braucht diese Aufklärung auch jetzt nicht wirklich.

Aber vielleicht verhilft die Auszeichnung "Fake-News" ja zu mehr Aufmerksamkeit bei den vielen Zaubertränken, die angeboten werden. Wobei sich meine Zuversicht in Grenzen hält. Der Mensch will betrogen sein – mundus vult decipi –, sagte schon Luther. Wer meint, pürierte Frösche schlucken zu müssen, um die eigene Sprungkraft zu erhöhen, dem ist argumentativ ohnehin schwer beizukommen. (Gibt es laut "Bild" als Fitnessgetränk zu kaufen.)

»Pürierte Frösche sollen Sprungkraft verleihen?!«

Fake-News als solche zu erkennen, ist nicht zuletzt auch eine Frage von Information und Bildung. Nicht jeder kann Wahres von Falschem unterscheiden. Als ich vor rund dreißig Jahren meine Praxisübernahme inszenierte, wollte ich partout nicht wahrhaben, dass ich mit meinem spärlichen Vermögen künftig für Arzneikosten meiner Patienten haften sollte. Heute, schmerzhaft aufgeklärt, überrascht mich kaum mehr etwas. Eigentlich gar nichts.

Sollte also ein Kollege vermelden, in seiner Standesvertretung habe man beim Pillen-Informationsgespräch das Waterboarding erfolgreich eingesetzt, so kann ich nur die zunehmende Anpassungsfähigkeit unserer behördlichen Sheriffs bewundern: "Good job, boys!", höre ich es über das große Wasser herüberhallen.

Wie immer zum Schluss etwas zum Grübeln. Irgendwie erinnert mich diese ganze Fake-News-Gaudi an ein grundsätzliches Problem der medizinischen Wissenschaft. Denn sehr viele ehemalige Goldstandards lesen sich heutzutage wie unglaubliche Nachrichten aus einer anderen Welt. Wie wird man da erst in zwanzig Jahren unsere heutigen Therapien bezeichnen? Aber vielleicht haben wir dann ganz andere Probleme. Und wir werden uns wünschen, die ankommenden Nachrichten wären alle Fake-News.