Frauenquote: „Mit Kindern hätte ich diese Position nicht erreicht"

Gesundheitspolitik Autor: Maya Hüss

Vier Frauen, die den Weg in die Führungsetage bereits hinter sich haben, äußern sich zur Frauenquote. © iStock/master1305; iStock/Nastco

Mehr Frauen sollen in KV- und Krankenkassengremien Verantwortung übernehmen. Das wünschen sich die Gesundheitsminister der Länder. Sie schlagen eine Quote von 40 % vor.

„Leider ist es offenbar nicht möglich, eine ausgewogene Geschlechterquote ohne gesetzliche Regelungen zu erreichen“, bemängelt Cornelia Prüfer-Storcks, Hamburgs Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz, auf der Gesundheitsministerkonferenz im Sommer. Sie will deshalb eine verpflichtende Frauenquote von 40 % durchsetzen. Der Vorschlag sieht vor, eine gesetzliche Regelung im Fünften Sozialgesetzbuch einzuführen, die einen jeweils mindestens 40-prozentigen Anteil von Frauen und Männern in den Organen der sozialen Selbstverwaltung vorschreibt. Zusätzlich solle im Vierten Sozialgesetzbuch, das die Vorschriften der Selbstverwaltungsorgane der Sozialversicherungsträger enthält, eine solche Regelung gesetzlich verankert werden.

In 7 von 17 KVen sind Frauen im Vorstand vertreten

Doch wie sieht die Situation in den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) und Ärztekammern genau aus? Aktuelle Zahlen der Bundesregierung zeigen: Frauen sind nach wie vor unterrepräsentiert und das sowohl auf der Vorstandsebene als auch in den Vertreter- und Kammerversammlungen. So haben lediglich in 7 von 17 KVen Frauen ein Amt im Vorstand inne. In allen Vertreterversammlungen (VV) der KVen finden sich Frauen, ihr Anteil liegt zwischen 8 und 40 %. Die VV der Thüringer KV hätte mit 12 Frauen von insgesamt 30 Mitgliedern bereits eine geforderte Quote erfüllt.

In allen Vorständen der Landes­ärztekammern arbeiten ebenfalls Frauen. In den einzelnen Kammerversammlungen liegt der Frauenanteil zwischen 13 und 41 %.

Doch warum sind viele Bereiche, gerade auch in der ärztlichen Selbstverwaltung, immer noch männerdominiert? „Führungseigenschaften waren lange Zeit vorwiegend durch Männer geprägt“, sagt Prüfer-Storcks. So unterstellte man Frauen fehlende Durchsetzungskraft. Außerdem seien Männer von ihren gleichgeschlechtlichen Vorgesetzten oft bevorzugt befördert worden. Schließlich sei „Führungskompetenz aber keine Frage des Geschlechts, sondern der Persönlichkeit“, so die Senatorin. Schon bei den Vorschlagslisten für die Wahlen müsste deshalb auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet werden. Im Personal- und Betriebsverfassungsgesetz gebe es bereits Regelungen, die Wahllisten im Reißverschlussverfahren aufstellten.

Karriere ab 40, gibt Zeit für die Kindererziehung

„Wenn ich auf meinen Karriereweg zurückblicke, dann wäre dieser sicherlich nicht anders verlaufen, wenn an meiner Stelle ein Mann gewesen wäre“, sagt Dr. Ellen Lundershausen, Präsidentin der Landesärztekammer Thüringen. Ihrer Meinung nach spiele das Alter der Frauen eine entscheidende Rolle für die Karriere. Wer seine beruflichen Pläne nach hinten verschiebe, habe zunächst Zeit, sich um die Kindererziehung zu kümmern. „Auch ich habe meine berufspolitische Karriere erst nach meinem 40. Lebensjahr angefangen“, berichtet die HNO-Ärztin. Dabei komme es auch immer auf die Prioritäten an, die man sich im Leben setze. „Wer nicht auf seine Freizeit verzichten kann, egal ob Mann oder Frau, dem würde ich von einer berufspolitischen Karriere dringend abraten“, mahnt die vierfache Mutter. Ohne eine Frauenquote allerdings, so ist sich das ehemalige Vorstandsmitglied der KV Thüringen sicher, ändert sich nichts. Eine solche Quote könnte Frauen mehr Mut machen. Dabei müssten aber auch die Rahmenbedingungen geändert werden. „Eine Frau muss auch mal eine Stunde länger arbeiten oder länger in einer Sitzung bleiben können, ohne zum Kindergarten flitzen zu müssen, weil der um 17 Uhr schließt“, sagt sie.

„Eine Quote zu fordern, wird die Situation nicht ändern“, sagt Anke Richter-Scheer, Vorsitzende des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe. Im schlimmsten Fall führe eine solche Quote ihrer Meinung nach zur Stagnierung wichtiger Prozesse. Sie selbst beschreibt ihren Karriereweg zwar als streckenweise steinig, viel Unterstützung bekam sie dabei aber gerade auch von Männern. Zum Thema Familienplanung und Karriere hat die Fachärztin für Innere Medizin eine klare Meinung: „Ich habe keine Kinder und ich bin mir sicher, mit Kindern hätte ich diese Position nicht erreicht.“

Gerade in der Berufspolitik bräuchte man ein Team um sich, das einen unterstützt. „Bis eine Frau sich hochgearbeitet hat, können gut 10 bis 20 Jahre vergehen, das ist ein Prozess, der anstrengend ist und dauert“, weiß Cornelia Goesmann, Haus­ärztin und ehemalige Vize-Präsidentin der Bundesärztekammer, aus eigener Erfahrung.

Medizinstudentinnen: kein Interesse an Gleichstellung

Ihrer Meinung nach ist eine Frauenquote nicht der richtige Weg. „Es sollte niemand Unqualifiziertes einstellen werden, nur damit eine Quote erfüllt ist“, erklärt sie. Besser wäre deshalb z.B. eine frühe Förderung junger engagierter Frauen.

Doch sind diese überhaupt bereit dafür? Nein, sagt Dr. Bärbel Miemietz, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Medizinischen Hochschule Hannover, und gibt ein Beispiel: Ein im Jahr 2006 gestartetes Mentoring-Programm für Medizinstudentinnen, die Hilfe bei der Karriereplanung, der Team- und Führungskompetenz und der Selbstpräsentation bekommen sollten, musste nach nur einem Durchgang wieder eingestellt werden. Laut Dr. Miemietz zeigte sich, dass die angehenden Medizinerinnen nicht an der Gleichstellungsarbeit interessiert waren. So habe der Aufwand, Teilnehmerinnen zu gewinnen, in keinem Verhältnis zu deren Engagement gestanden. „Sie suchen uns erst auf, wenn sie Probleme mit der Kinderbetreuung haben“, moniert die Gleichstellungsbeauftragte.

Frauenquote zeigt Wirkung

  • Die seit Januar 2016 geltende Frauenquote von 30 % für Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen greift laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). So zeige das Managerinnen-Barometer des Instituts einen deutlichen Frauenanstieg in den Aufsichtsräten. Seit Einführung der Quote habe sich der Frauenanteil in den gut 100 Unternehmen bis Ende des Jahres 2017 auf durchschnittlich 30 % erhöht. Auch hätten viele dieser Unternehmen den Anteil über die vorgegebene Quote hinaus erhöht.
  • Eine Signalwirkung an Vorstände und Geschäftsführungen, die bislang an keine Frauenquote gebunden sind, gibt es allerdings nicht. Dort herrsche im Hinblick auf den Frauenanteil beinahe Stillstand. So liege die Quote in den 200 umsatzstärksten Unternehmen im Durchschnitt bei gut 8 %.

Cornelia 
Prüfer-Storcks; Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz, Hamburg © Bina Engel
Dr. Cornelia Goesmann; Ehemalige Vize-Präsidentin der Bundesärztekammer © Privat
Dr. Ellen 
Lundershausen ; Präsidentin der 
Landesärztekammer 
Thüringen, Jena © Landesärztekammer Thüringen
Anke 
Richter-Scheer; Vorsitzende des 
Hausärzteverbands 
Westfalen-Lippe, Unna © Hausärzteverband Westfalen-Lippe