Grausames Ritual: Auch in Deutschland leben 50.000 beschnittene Frauen

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Ulrich Wickert, Gwladys Awo, Kadiatou Touré und Moderatorin Charlotte Maihoff (v.l.n.r.) © Isa Foltin / Getty Images for Plan International e.V.

Die Fernsehreporterin Kadiatou Touré nahm kürzlich den „Ulrich Wickert Preis für Kinderrechte 2017 international“ entgegen. Ihre Reportage vermittelt einen Einblick, wie tief in ihrem Heimatland Guinea die Tradition der Beschneidung verwurzelt ist. Auch in Deutschland ist das Problem bekannt.

Die Reportage „Mutilitations Genitales Feminines en pays Kissi“ (Weibliche Genitalverstümmlung im Land der Kissi) beschreibt das immerwährende Fortleben der Tradition der Beschneidung in einem kleinen Dorf in Guinea, zwischen Palmen und Lehmhütten. Dabei ist auch in Guinea diese mit Schmerzen, Kummer und nicht selten dem Tod der Mädchen verbundene Verstümmelung der Genitalien verboten.

Der Zuschauer erlebt, wie die Mädchen in Vorbereitung auf die Initiation geschmückt werden, wie sie sich singend und tanzend auf das Ritual vorbereiten. Die Gesichter der Kinder spiegeln aber keine Freude wider. Ihre Angst ist spürbar und es ist extrem berührend, zu wissen, dass an diesen Mädchen die Beschneidung tatsächlich vollzogen werden wird.

Auch die tragischen Einzelschicksale werden deutlich durch Gespräche, die die Reporterin von Radio Télévision Guinéenne zum Beispiel mit der Großmutter der verstorbenen fünfjährigen Kumba führt, aber auch mit Richtern und Polizeibeamten. Die TV-Journalistin zeigt zugleich die großen Bemühungen in dem westafrikanischen Land, durch Aufklärung mit der Tradition der weiblicher Genitalverstümmelung (FGM – Female Genital Mutilation) zu brechen. Vermittelt werden soll, dass die Traditionen an sich, also die Festrituale, beibehalten werden können, ohne dass das Ritual der Beschneidung vollzogen wird.

97 % aller Frauen in Guinea sind beschnitten

Guinea hat nach Angaben der Organisation „Terre des Femmes“ weltweit die zweithöchst gemessene FGM-Verbreitungsrate. 97 % aller Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren und 46 % aller Mädchen im Alter bis zu 14 Jahren sind beschnitten. Je nach Tradition erfolgt die Beschneidung vor dem fünften Geburtstag oder auch erst mit Eintritt in die Pubertät.

Kadiatou Touré hat für ihre Reportage das Gebiet der Kissi ausgewählt, da es sich um eine abgelegene Waldregion handelt, deren Bewohner überlieferten und traditionellen Werten sehr viel Bedeutung beimessen. Sie macht mit ihrem Film sowohl auf die Not der Mädchen aufmerksam, als auch auf die verheerenden gesundheitlichen Folgen des Rituals. Bei der Preisverleihung erklärte die 30-Jährige, wie schwierig es ist, Veränderungen herbeizuführen, unter anderem da das Ritual für die Beschneiderinnen eine Einkommensquelle ist: „Es geht also nicht nur um Tradition.“

Zahl der betroffenen Frauen in Deutschland ist gestiegen

FGM ist aber längst nicht nur ein Problem im entfernten Afrika, es ist auch in Europa angekommen. Im Februar veröffentlichte das Bundesfamilienministerium eine empirische Studie, nach der in Deutschland knapp 50 000 Frauen leben, die Opfer einer Genitalverstümmelung geworden sind. Bis zu 5700 Mädchen sind davon bedroht sind. Nach Angaben des Ministeriums stieg die Zuwanderung von Frauen und Mädchen aus Ländern, in denen FGM besonders verbreitet ist (vor allem Eritrea, Irak, Somalia, Ägypten und Äthiopien) von Ende 2014 bis Mitte 2016 um 40 %. Die Zahl der Betroffenen stieg um knapp 30 %.

Genitalverstümmelung in Deutschland

„Eine empirische Studie zu weiblicher Genitalverstümmelung in Deutschland“ vom deutschen Netzwerk zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung spricht davon, dass den medizinischen Fachkräften im Umgang mit den körperlichen und psychischen Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung eine der Schlüsselrollen zufällt. Gleichzeitig seien Ärzte und Geburtshelfer aber oft mit den Verletzungen und Erscheinungsbildern nach FGM_C nicht vertraut und in den Beratungssituationen fachlich überfordert. Neben den offensichtlich durch FGM_C verursachten körperlichen Beschwerden könnten weitere Symptome benannt oder beobachtet werden, die auch Ärzte häufig nicht als posttraumatisches Belastungssyndrom erkennen könnten.

Auch nach deutschem Recht ist FGM verboten. Um sogenannte Ferienbeschneidungen zu unter­brinden, hat der Bund 2016 eine Gesetzesänderung beschlossen. Wer ins Ausland reist, um dort eine Genitalverstümmelung vornehmen zu lassen, dem droht der Entzug des deutschen Passes.

Multiplikatoren sollen Kultur des Schweigens brechen

Initiativen, die direkt in den Communities mit kontinuierlicher Überzeugungsarbeit gegen Genitalverstümmelung aktiv sind, gibt es auch in Deutschland. Die bei der Preisverleihung anwesende Sozialpädagogin Gwladys Awo gehört zu den Vorkämpferinnen. Seit 2013 koordiniert sie in Hamburg das EU-Projekt „Chance“. Hier werden Multiplikatoren aus den Communities ausgebildet, die in den Gemeinschaften vor Ort versuchen, das Tabuthema FGM anzusprechen und die Kultur des Schweigens zu brechen.

Über ein Dutzend solcher Schlüsselpersonen gibt es zurzeit. Einfach sind die Gespräche angesichts oft patriarchalischer Strukturen in den Communities nicht. Es bedarf des Feingefühl, aber auch der Widerstandskraft angesichts möglicher Häme und Beschimpfungen. In der Hansestadt haben laut einer Umfrage des gemeinnütziges Kinderhilfswerks Plan International gut 39 % der Migranten aus Subsahara-Afrika Wurzeln in Familien, die weibliche Genitalverstümmelung praktizieren. Mindestens 30 % der befragten Frauen sind beschnitten.