Hausarztprogramm: Ärzte, AOK und Patienten sind zufrieden

Gesundheitspolitik Autor: Michael Reischmann

Nächstes Jahr will die Regierungskoalition die Hausarztverträge auf den Prüfstand stellen. Welche Vorteile lassen sich belegen? Die Evaluationsbilanz des weitestgehenden Hausarztprogramms in Baden-Württemberg wird dabei eine besondere Rolle spielen. Die Partner sind mit dem, was bisher in drei Jahren erreicht werden konnte, sehr zufrieden.

Professor Dr. Joachim Szecsenyi, Geschäftsführer des AQUA-Instituts, das die Qualitätszirkelarbeit der Hausarztzentrierten Versorgung im Ländle unterstützt, und Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Uniklinikums Heidelberg, wünscht sich Geduld bei der Messung der HZV-Wirkungen. Den Modellen müsse Zeit gegeben werden, die Pionierphase zu verlassen.


Gleichwohl sieht der Evaluationszeitplan für Mitte 2012 Ergebnisse zum AOK-Hausarztprogramm vor, unter anderem zur Arbeitszufriedenheit von Ärzten und MFA, zur Leitliniennutzung, zu den Aufgaben der zu Verahs fortgebildeten Helferinnen, zu Arzneimittelkosten, DMP-Einschreibungen, Krankenhaustagen etc. Mit der HZV-Evaluation sind die Allgemeinmedizinischen Institute der Uni-Kliniken Frankfurt und Heidelberg sowie das AQUA beauftragt.


Dr. Christopher Hermann,  AOK-Vorstandsvize und nominiert als Vorsitzender ab Oktober, ist bereits von der mit Medi und dem Hausärzteverband organisierten HZV überzeugt, bei der 3500 aktive Hausärzte gut eine Million der 3,8 Mio. AOK-Versicherten versorgen. Auf dem Hauptstadtkongress nannte er als Erfolgskennzahlen:

  • In der HZV ist die Verordnungsquote von Rabattarzneimitteln mit 72 % fast ein Drittel höher als in der Regelversorgung (55 %).
  • Die jährliche Check-up-35-Quote ist mit 44,5 % doppelt so hoch wie in der Regelversorgung (22 %).
  • Auch die zweite Umfrage bei 500 Versicherten ergab in diesem Jahr viel Zustimmung: 96 % sind rundum mit der HZV zufrieden (davon die Hälfte „sehr“). 73 % sagen: „Mein Hausarzt behandelt mich seit meiner Teilnahme am AOK-Hausarztprogramm noch genauer.“ 2010 sagten das 61 %. Unverändert loben 97 %, dass sich ihr Hausarzt ausreichend Zeit für sie nimmt. 93 % können die HZV weiterempfehlen.
  • Bei den Facharztverträgen beträgt die Gesamtzufriedenheit 95,5 % und die Weiterempfehlungsquote 95 %.

Seit zehn Quartalen ein Fallwert mehr als 80 Euro

Dr. Hermann nimmt solche „weiche Faktoren“ ernst – eine Kasse sei auf die Zufriedenheit ihrer Kunden angewiesen. 2010 gewann die AOK BaWü 125 000 neue Versicherte.


Von zufriedenen Kollegen berichte Hausärzteverbandschef Dr. Bertold Dietsche. Seine Argumente gegen HZV-kritische „Mythen“ sind:

  • Der durchschnittliche Quartalsfallwert in der HZV liegt seit zehn Quartalen konstant bei über 80 Euro – rund 45 % mehr als bei der KV (55 Euro). Für eine Praxis mit 2000 Patienten bedeute das jährlich 50 000 bis 70 000 Euro mehr Honorar.
  • Einzelleistungen wurden in den Pauschalen versenkt, das heißt: Ihr Wert ist in der Mischkalkulation enthalten. Das belasse dem Arzt die Therapiewahl und ermögliche eine schnelle „Bierdeckel-Abrechnung“.
  • Die anfänglichen Probleme mit der Vertragssoftware sind behoben. Die Kosten für die Systempflege betragen je nach Praxissoftwareanbieter 5 bis 19 Euro pro Monat.
  • Die Ausgaben für eine zur Verah weiterqualifizierten MFA von ca. 4000 Euro amortisieren sich durch die Zuschläge in einer Praxis mit 200 HZV-betreuten Chronikern innerhalb eines Jahres. Die Zahl der Verahs ist von 457 (2009) auf 857 (2011) gestiegen. Bisher zahlte die AOK 4,3 Mio. Euro Verah-Zuschläge.
  • Die HZV wird weiterentwickelt: 2011 sind die Kinder- und Jugenduntersuchungen U 11 und J 2 hinzugekommen. Verläuft die Integrierte Versorgung zum hausärztlichen Einsatz in Pflegeheimen in der Pilotphase erfolgreich, kann sie 2012 landesweit stattfinden. Angedockt sind zwei 73c-Verträge zur kardiologischen bzw. gastroenterologischen Versorgung. Ein weiterer für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie soll 2011 folgen. An den Facharztverträgen nehmen jeweils 160 Kardiologen und Gastroenterologen sowie 52 000 Versicherte teil. Medi ruft die Hausärzte auf, diese mit Einschreibungen zu unterstützen.

Die HZV könne als Chronikerversorgung kein Sparprogramm sein, betonte Dr. Hermann. Aber sie sei wirtschaftlich! Der AOK-Vize verweist auf die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds und die Vorteile bei den Arzneimittelausgaben.


Ein Vergleich der AOK-Versicherten mit mindestens einer Arzneimittelverordnung in HZV-Praxen zeigt, dass die Medikamentenkosten pro Patient mit rund 150 Euro im Quartal in der HZV deutlich höher sind als bei Nicht-HZV-Patienten (119 Euro). Kein Wunder: HZV-Patienten sind im Schnitt 60 Jahre alt – zehn Jahre älter als die anderen. Laut AOK ist der Chroniker-Anteil in der HZV mit 65 % etwa doppelt so hoch wie in der gesamten AOK-Kundschaft.

In einer Stellungnahme zum geplanten Versorgungsgesetz erklären Hausärzteverband, Mediverbund und AOK, dass es für den Nachweis von Einsparungen und Effizienzsteigerungen in Selektivverträgen eines zeitlichen Vorlaufs bedarf. Das wirtschaftliche Risiko solle bei den Vertragspartnern verbleiben – ohne zentralistische Vorgaben wie im reformierten § 73b SGB V geschehen.

Wünsche fürs kommende Versorgungsgesetz

Die drei Partner wünschen sich mehr Wettbewerb. Zumindest für die hausärztliche Versorgung sollte es im KV-Kollektivvertrag je Kassenart eigenständige Verhandlungen und Vergütungsentwicklungen geben. Die Honorarbereinigung für Selektivverträge soll einfach gestaltet werden. Der Sicherstellungsauftrag soll nicht nur in der HZV auf die Krankenkasse übergehen, sondern sich auch auf die fachärztliche, spezialärztliche und Krankenhausversorgung erstrecken. Dann könnte die Kasse bei 73c-Verträgen die Versorgungssicherstellung für HZV-Patienten übernehmen, ohne dass diese sich hierfür gesondert einschreiben müssen.

Dr. Hermann lässt seine Hoffnungen auf die Ausgestaltung des Versorgungsgesetzes allerdings nicht ins Kraut schießen. Es gebe „massive Beharrungstendenzen“ im System. Aber vielleicht habe Daniel Bahr (FDP) als Bundesgesundheitsminister „mehr Pep“ als manche ihm zutrauten.   

Michael Reischmann