Hunderte neue Hausarztsitze im Pott – wer will dann noch Landarzt werden?

Gesundheitspolitik Autor: Ruth Bahners

Neue Zechen werden im Ruhrgebiet nicht benötigt, mehr Ärzte schon. © fotolia/VanReel

570 zusätzliche Hausarztsitze könnten durch einen Federstrich im Ruhrgebiet entstehen, wenn dessen Status als Sonder­region in der Bedarfsplanung entfällt. Die beiden Kassenärztlichen Vereinigungen sind alarmiert.

Zum 31. Dezember 2017 läuft die Sonderregelung in der Bedarfsplanung für das Ruhrgebiet aus. Aufgrund der geografischen Besonderheiten einer der größten Agglomerationen in Europa gelten hier bisher andere Planungszahlen als im Rest der Republik. Während bundesweit 1671 Einwohner pro Hausarzt veranschlagt werden, sind es im Ruhrgebiet 2134. Begründung: Da hier eine Stadt an die andere grenzt, gibt es so gut wie keine Mitversorgung aus dem Umland.

Deutlich höhere Fallzahlen in den Praxen

Es wurde aber auch eine Überprüfung bis zum Jahresende 2017 festgelegt. Diesen Auftrag hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) erfüllt, indem er ein Gutachten beim Berliner IGES-Institut beauftragte, das jetzt vorliegt.

Das Institut kommt zu dem Schluss, dass sich die Sonderstellung des Ruhrgebiets nicht länger begründen lässt, da dadurch eine "deutlich höhere durchschnittliche Fallzahlbelastung" der Praxen erzeugt werde. Zudem gebe es deutliche Hinweise einer überdurchschnittlich hohen Morbidität im Ruhrgebiet. Zumindest in den hausärztlichen und der allgemeinen fachärztlichen Versorgung sei die Bedarfsplanung anzupassen.

Diese Forderung erhebt auch Uwe Brock, Hausarzt und Kreisstellenvorsitzender der Ärztekammer Nordrhein in der Reviergemeinde Mülheim. Er sieht in der Bedarfs-planung eine "Benachteiligung der Menschen im Ruhrgebiet". Laut Brock sterben in Duis­burg wesentlich mehr Menschen an Lungenkrebs, Herzinsuffizienz und Schlaganfall als in anderen NRW-Städten. Auch die Säuglingssterblichkeit sei mit sechs Promille deutlich höher als der Landesdurchschnitt von 4,1 Promille.

Sollte sich der G-BA der Auffassung des IGES anschließen, könnten auf einen Schlag in der Metropolregion von Duisburg bis Unna 1136 neue Arztsitze entstehen: 566 neue Hausarztsitze, 277 neue Sitze für Ärzte der allgemeinen fachärztlichen Versorgung sowie 293 für Psychotherapeuten.

"Eine Katastrophe für die Sicherstellung in unseren ländlichen Gebieten", glaubt Dr. Gerhard Nordmann. Der Vorstandsvize der KV Westfalen-Lippe befürchtet eine "Sogwirkung" weg vom Land hin in die Stadt. Die jungen Kollegen müssten schon sehr idealistisch sein, um dem Reiz der Großstadt zu widerstehen, meint der Augenarzt. Zumal die zusätzlichen Sitze im Ruhrgebiet neue Sitze wären, für die kein Kaufpreis anfallen würde.

Zusammen mit seinem Vorstandskollegen aus Nordrhein, Dr. Frank Bergmann, setzt sich Dr. Nordmann dafür ein, dass die Umstellung über zehn Jahre gestreckt wird. "Wir werden schon alle Hände voll zu tun haben, die jetzigen Arztsitze nachzubesetzen, geschweige denn zusätzliche zu füllen", sagt Dr. Nordmann. In der allgemeinen fachärztlichen Versorgung spreche vieles dafür, an den geltenden Verhältniszahlen für das Ruhrgebiet und an einer gleichmäßigen Versorgungsdichte festzuhalten, meint Dr. Nordmann. Wenn es dann eine Versorgungslücke gebe, könne sie durch Ermächtigungen oder Sonderbedarfszulassungen geschlossen werden.

Gutachten: Zusätzliche Ärzte ziehen Honorar ab

Ein weiteres Argument für ein Strecken der Umstellung liefert das IGES-Gutachten selbst: Eine sofortige Erhöhung der Arztzahlen hätte ein deutliches Absinken der Honorare zur Folge. In Nord­rhein würden die Hausärzte knapp 17 % einbüßen und die Nervenärzte knapp 36 %. Nur die Chirurgen in Westfalen-Lippe würden ihr Honorar in etwa behalten.

Auch das IGES plädiert für eine zeitlich gestreckte Anpassung der Bedarfszahlen, da mit "erheblichen Besetzungslücken" zu rechnen wäre, sowohl infolge zusätzlicher Niederlassungsmöglichkeiten wie auch infolge des Nachbesetzungsbedarfs bereits existierender Praxen. Sprich: Es gibt gar nicht genug Hausärzte. Da der G-BA ohnehin die bundesweite Bedarfsplanung auf den Prüfstand gestellt hat, hoffen die NRW-KVen, dass es nicht bereits im nächsten Jahr zu den befürchteten Änderungen kommen wird.

Quelle: Medical-Tribune-Bericht