Jeden vierten Krankenhausfall "ambulantisieren"

Gesundheitspolitik Autor: Dr. Cornelia Kolbeck

KBV macht Vorschläge, wie sich Klinikgelder in die Praxen umleiten lassen: Belegarztsystem neu gestalten. © KBV

In einem Gespräch mit Journalisten zeigte sich die neue KBV-Führung sichtlich entspannt und voller Ideen, wie es mit der ambulanten Versorgung im Gesundheitssystem weitergehen muss.

KBV-Chef Dr. Andreas Gassen, Vize Dr. Stephan Hofmeister und Vorstandsmitglied Dr. Thomas Kriedel standen noch unter dem Eindruck der dritten Klausurtagung der KV-Vertreterversammlung (VV). Hier war die Weiterentwicklung der im vergangenen Mai beschlossenen Agenda 2020 besprochen worden.

Noch ist nichts ausformuliert, zur VV am 22. Mai anlässlich des Ärztetags in Freiburg aber soll mit Blick auf die Bundestagswahl eine "To-do-Liste" vorgestellt werden. Es geht dabei um einen Strukturwandel in der medizinischen Versorgung und die politischen Rahmenbedingungen.

Die drei Vorstände präsentierten schon einmal vorab, wie dieser Wandel aussehen könnte. Sie gehen u.a. davon aus, dass eine weitere Ambulantisierung der Medizin in den Krankenhäusern nur in Zusammenarbeit mit den Niedergelassenen vonstatten gehen kann. So wird eine gemeinsame regionale Bedarfsplanung der Arztzahlen für notwendig erachtet. Auch den Ausbau eines "neu interpretierten" Belegarztsystems – z.B. durch eine 
hausärztliche Bettenstation zur Nachbetreuung von Op.-Patienten oder Sprechstunden eines Hausarzt-Facharzt-Teams in der Klinik – halten sie für möglich. Allerdings müsse die Vergütung der Leistung folgen, so Dr. Hofmeister. 6 bis 8 Mrd. Euro könnten vom stationären in den ambulanten Bereich abfließen.

Ein Viertel der Krankenhausfälle könnte sich "ambulantisieren" lassen, ist Dr. Gassen überzeugt, was angesichts der preiswerteren Leis­tungserbringung auch den Krankenkassen zusagen sollte. Bereiche wie die Onkologie und das ambulante Operieren hätten bestätigt, dass es Vorteile bringt.

Zugang zur Notfallversorgung
soll über 116 117 erfolgen

Auch ein neuer Zugang zur ambulanten Notfallversorgung ist in der KBV im Gespräch. Nachgedacht wird über eine "bundesweit einheitliche Benutzeroberfläche" – eventuell mit einer App –, die den Patienten zur notwendigen Versorgung leitet. Die Idee: Über die bundesweite Telefonnummer 116 117 erreicht jeder Patient einen Arzt oder qualifiziertes Pflegepersonal. Er erklärt sein Anliegen und erhält je nach Dringlichkeit die passenden Infos, z.B. über die nächste Notfallambulanz oder geöffnete Praxis. Auch ein Hausbesuch kann organisiert werden. Oder der Dispatcher schickt direkt den Notarzt zum Patienten.

"Der Bürger verhält sich nicht falsch, man muss ihn nur abholen, wo er ist", erklärte Dr. Hofmeister mit Blick auf derzeit auch ohne Notwendigkeit in Anspruch genommenen Notfallstrukturen. Ein breites Angebot an Portalpraxen lehnt die KBV-Führung ab. Dafür fehle das Geld und Personal, so Dr. Kriedel.

Krankenhausgesellschaft sieht "KV-System außen vor"

Die KBV-Spitze will mit ihren Ideen auf die Krankenhäuser zugehen. Bezüglich einer Unterstützung durch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) zeigte sich Dr. Gassen verhalten. Allerdings seien einzelne Klinikträger aufgeschlossen.

Die DKG erklärte zu den Vorschlägen: "Geld muss der Leistung folgen. Und die Leistungen bei der ambulanten Notfallversorgung werden im Krankenhaus erbracht. Es wird also Zeit, dass die Vergütung zwischen den Krankenkassen und den Krankenhäusern gesteuert wird. Das KV-System ist hier dann außen vor." Die KBV wird wohl einen harten Kampf ausfechten müssen.

Quelle: KBV-Pressegespräch


Dr. Andreas Gassen, Vorsitzender des Vorstands der KBV Berlin. © Georg J. Lopata
Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV Berlin. © Georg J. Lopata
Dr. Stephan Hofmeister, stellv. Vorsitzender des KBV-Vorstands Berlin. © Georg J. Lopata