Kollegen, denkt daran: Ihr seid das Gesundheitswesen

Kolumnen Autor: Dr. Robert Oberpeilsteiner

„Ihr seid es, die die Verantwortung übernehmen". © Fotolia/Robert Kneschke

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Ein paar letzte Worte an die geschätzten Kollegen von Dr. Oberpeilsteiner.

Wollte mich eigentlich nicht mehr aufregen. Doch dann lese ich, dass beim Medizinischen Fakultätentag in Hamburg unser Präsident Montgomery und Minister Gröhe eine gemeinsame Vorhersage wagten: „Auch im Jahr 2030 wird der Arzt gebraucht.“ Ach ne, das ist ein Ding! Dachte eigentlich, das Problem der Zukunft wäre die Unterversorgung benachteiligter Landstriche. Jetzt höre ich, dass wir froh sein können, im nächsten Jahrzehnt noch gebraucht zu werden. (Der Fairness halber: Es ging um die Digitalisierung im Gesundheitssystem.)

Unsere Arbeit ist was wert. Nein, nicht etwas, sondern viel!

Gedankensprung: Ich schaue gerne alte Western. Da ist alles schön übersichtlich. Schwarz und weiß. Gut und Böse. Das genaue Gegenteil von meinem Alltagschaos. Beim letzten Film ging es, so glaube ich mich zu erinnern, um eine Gouverneurswahl. In einer Szene stand einer der Kandidaten auf, um eine Rede zu halten, zerknäulte dramatisch ein Blatt Papier, warf es zu Boden und sagte: „Das war die Ansprache, die ich eigentlich vorbereitet hatte.“ (Er bekam dann viel Aufmerksamkeit. Aus der Hüfte zu schießen hielt man damals schon für weit effizienter als langes Nachdenken.) So mache ich es jetzt auch. Eigentlich wollte ich etwas Schlaues schreiben über Visionen des niedergelassenen Arztes. Als letzte meiner Kolumnen. Aber eigentlich ist doch alles gesagt. Also Schuss aus der Hüfte, weg mit dem nicht geschriebenen Manuskript!

Die KVen brauchen euch wie Haie den Putzerfisch

Für das Wichtige genügen ohnehin einige wenige Sätze. Einer davon lautet: Unsere Arbeit ist was wert. Nein, nicht etwas, sondern viel! Denkt daran – egal ob niedergelassen oder in der Klinik tätig –, wenn ihr nachts aus dem Bett springt und die Entscheidung trefft, dass ein Patient operiert werden muss. Es ist nicht der Verwaltungsdirektor der Klinik. Es ist niemand aus der KV. Es ist kein Krankenkassenchef. Ihr seid es, die die Verantwortung übernehmen. Alle anderen sind in diesem Moment zweitrangig. Ihre Ämter und Positionen helfen dem Patienten nämlich – nichts! Leider ist dieses Denken in den Kliniken verloren gegangen. Solltet ihr dennoch einmal an eurer Bedeutung zweifeln, so erinnert euch daran, dass ihr gebraucht werdet (siehe oben). Die Verwaltung braucht euch für ihre Jobs. Der Gesundheitsminister für seine Statistiken und, ja, die KVen brauchen euch wie ein Hai den Putzerfisch. Dazu, nicht zu vergessen: die Krankenversicherungen, um medienwirksam versichern zu können, „ihre“ Patienten seien die bestbetreuten der Welt. (Mag ja stimmen. Aber von wem wohl betreut? Erinnert die gut dotierten Bosse gelegentlich dran!)

Also, noch einmal, von mir garantiert zum letzten Mal: Liebe Kollegen, ihr arbeitet nicht im Gesundheitswesen – ihr seid das Gesundheitswesen! Macht das bitte immer wieder deutlich. Die Patienten wissen das ohnehin längst.

Keine Visionen also? Doch, man darf ja schließlich träumen. Es fehlt uns aber leider ein Alexan­der – uns haben die Götter nur den Gröhe (Hermann) gesandt –, der in der Lage wäre, die vielen gordischen Knoten zu durchtrennen. So bräuchten wir für die Abrechnung ein System WYSIWYG – what you see is what you get. Klar definiert mit festen Beträgen. Klar definiert heißt klar definiert. Denn es geht ja nur um zwei Parameter: geleistete Arbeit und definierte Bezahlung. Zweisatz also. Jetzt schaut euch einmal die letzte Quartalsabrechnung an, was man aus dieser simplen Rechenaufgabe gemacht hat. So hält man aufgeblähte Verwaltungen in Lohn und Brot.

Freiberuflichkeit stärken, nicht peu à peu abbauen: Das bedeutet für mich, Entscheidungsfreiheit fes­tigen. Ich genieße, seit ich meine Kassenzulassung zurückgegeben habe, die Wunderwelten der Technik aufs Neue. Smartphone, Tablet, Laptop, alles ist mir ans Herz gewachsen! Habe ich nicht immer auf die böse Technik geschimpft? Jaaa, das war in den Zeiten der Zwangsherrschaft. In den Zeiten, als die Quartalsabrechnung auf Wunsch der KV-Granden eine Frage der neuesten Software-Updates und nicht meiner geleis­teten Arbeit war. Jetzt entscheide ich endlich selbst, welche Technik und wie ich sie nutze. Sogar darüber, ob ich sie überhaupt nutze. Es lohnt sich, daran zu denken, wenn jetzt allerorten von BIG DATA in den Praxen die Rede ist.

Bleibt die Hoffnung auf eine Bürgerversicherung in ferner Zukunft? Darüber brauche ich aber nicht mehr nachzudenken. Dies heute war meine finale Kolumne. Altersmüdigkeit? Ach wo! Der Philipp Lahm (Dortmunder Fußball-Laien können den Namen ja googeln) hat schließlich heuer auch aufgehört – obwohl er noch voll im Saft steht. Danke jedenfalls dafür, dass ich mir für uns den Kopf zerbrechen durfte. Es hat mir unheimlich Spaß gemacht. Und bitte: Bleibt den spitzen Federn der MT weiterhin gewogen! Ich werde mir jedenfalls jetzt noch einen Western reinziehen. Wo wieder alles so schön übersichtlich ist.