Kompetenz wichtiger als Geld

Gesundheitspolitik Autor: Klaus Schmidt

In den Köpfen der meisten Ärzte herrscht Nebel, wenn es darum geht, Statistiken richtig zu lesen. Das sagt Professor Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding-Centers für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.


Prof. Dr. Gerd Gigerenzer

Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin

Foto: Dietmar Gust/Harding-Center

Auf dem BKK-Tag in München machte sich Prof. Gigerenzer für „bessere Ärzte und bessere Patienten“ stark: Mit höherer Kompetenz der Beteiligten lasse sich im Gesundheitswesen mehr erreichen als mit mehr Geld.

Mortalität mit und ohne Screening vergleichen

Beispielhaft führte der Berliner Psychologe das Brustkrebs-Screening für Frauen und das PSA-Screening für Männer an. Hier werde mit der Fünf-Jahres-Überlebensrate argumentiert, um den Nutzen des Screenings zu belegen. Tatsächlich sei diese Rate Unsinn, so Prof. Gigerenzer.


Allein aussagekräftig sei die Mortalität und die unterscheide sich bei den Menschen mit und ohne Screening so gut wie nicht. Von 1000 Frauen mit Screening sterben vier an Brustkrebs, gegenüber fünf ohne Screening. Von 1000 Männern mit PSA-Screening sterben 0 bis 0,5 % weniger an Prostatakrebs als in der Gruppe ohne PSA-Screening.


Das Harding-Center hat mehr als 400 Allgemeinärzte in den USA dazu befragt. 81 % glaubten, die Mortalitätsrate sei bei den untersuchten Menschen niedriger, 76 % meinten, früh erkannter Krebs garantiere eine bessere Fünf-Jahres-Überlebensrate.


Eine ähnliche Befragung unter deutschen Ärzten im Jahr 2009 kam zu ähnlichen Resultaten. Ein Vergleich von jeweils 1000 Männern mit und ohne PSA-Screening über zehn Jahre ergab, dass in beiden Gruppen acht Männer an Prostatakrebs starben und 200 aus anderen Gründen. Aber in der Screening-Gruppe erhielten 20 Männer eine Fehldiagnose und 180 wurden unnötig operiert oder einer Biopsie unterzogen.

Risiko-Quiz, Faktenbox Screening, Unstatistik des Monats:

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Die Millionen, die in die Früherkennung gesteckt werden, wären in der Prävention viel besser aufgehoben, argumentiert Prof. Gigerenzer. Mit drei Tricks, so der Berliner Forscher, werden Ärzte und Patienten in die Irre geführt: unsinnige Überlebensraten anstelle von aussagekräftigen Mortalitätsraten, Angabe von relativen Risiken anstelle von absoluten Risiken sowie Angabe von bedingten Wahrscheinlichkeiten anstelle von natürlichen Häufigkeiten.

Buch über bessere Patienten und bessere Medizin

Die Ärzte müssen so ausgebildet werden, dass sie Statistiken richtig lesen können, fordert Prof. Gigerenzer. Dazu soll das Buch „Bessere Ärzte, bessere Patienten, bessere Medizin“ beitragen, das er mit dem britischen Mediziner J. A. Muir Gray verfasst hat.



Quelle: Bayerischer BKK-Tag 2013, München

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