KV Nordrhein will jede zweite Notfallpraxis streichen

Gesundheitspolitik Autor: Ruth Bahners

Die Notfall­praxen der KV Nordrhein sollten die Trampelpfade in die Krankenhäuser verstellen. Jetzt soll rund die Hälfte aus Rentabilitätsgründen geschlossen werden.

84 Notfallpraxen betreibt die KV derzeit, 43 sollen nach einem Beschluss der Vertreterversammlung wegfallen. Vor allem Praxen in ländlichen Regionen werden von den Schließungen betroffen sein, da hier nach Auffassung der KV der Betrieb zu „kostspielig“ sei. Es ist von einem jährlichen Defizit im Notdienst von fünf Millionen Euro die Rede.


Auch die zeitliche Belastung der Ärzte mit Diensten aufgrund der geringeren Arztdichte auf dem Land ist hoch. Manche Ärzte in Gegenden wie der Eifel müssten bis 65 Diens­te ableisten, während andere in Ballungsgebieten gar keinen Dienst verrichten müssten.

41 Notfalldienstpraxen und eventuell Dependancen

Das durchschnittliche Honorar für eine Stunde Notdienst schwankt sehr stark zwischen den Fachgruppen. Nach Angaben des Notdienstausschusses der KV sind die Kinderärzte mit 58 Euro Spitzenreiter, gefolgt von den Allgemeinärzten mit rund 28 Euro, HNO-Ärzte erlösen 9 Euro und Augenärzte 5 Euro.

 
Die wesentlichen Elemente der Reform sind:

 
41 Notfalldienstpraxen sollen erhalten bleiben. Sie sind zu festgelegten Zeiten geöffnet. Durch einen Antrag des Hausärzteverbandes erhalten die Kreisstellen der KV die Möglichkeit, bei Bedarf zusätzliche Dependancen mit eingeschränkten Öffnungszeiten zu betreiben.


In Ergänzung zum allgemeinen Bereitschaftsdienst werden 15 kinderärztliche und je acht HNO- und augenärztliche Notfalldienstpraxen eingerichtet. „Die Einführung der Fachnotdienste entzieht der Grundversorgung ärztliche Arbeitskraft und finanzielle Ressourcen“, kritisiert der Hausärzteverband.

Arztrufzentrale koordiniert, Fahrdienst chauffiert

Hausbesuche werden künftig zentral über die Arztrufzentrale koordiniert und der diensthabende Arzt wird von einem medizinischen Dienstleis­ter zum Patienten gefahren. Dies ist umstritten, da eine europaweite Ausschreibung notwendig sei und eine Kostenexplosion befürchtet wird. Heute würden in einer Großstadt vom Taxidienst 16,50 Euro die Stunde gefordert, bei anderen Anbietern könnten es 30 bis 60 Euro werden.

 
Die bisher regional festgelegten Umlagen werden durch eine zentral festgelegte Notdienstumlage für alle Ärzte in gleicher Höhe abgelöst. Viele befürchten eine Kostensteigerung angesichts von 1000 Euro Umlage, die im Gespräch sein sollen.

Rund ein Drittel der Notdienstpraxen haben 27 Genossenschaften oder Vereine als Träger. Sie sind den Kassen und dem Landesgesundheitsministerium ein Dorn im Auge und sollen unter das Regime der KV gestellt werden. Die Kassen hatten behauptet, diese Praxen seien „Selbstbedienungsläden“ und die Vereinsmitglieder „Goldgräber“.

 
Das stößt bei den Betroffenen auf Unverständnis. „Unsere zentrale Notfallpraxis in Düsseldorf versorgt rund 70 000 Patienten allein im Sitzdienst, kostengünstig und effizient“, betont Dr. Carsten König, Vorsitzender des Trägervereins der Notdienstpraxis in Düsseldorf.

Ein Jahr nach Einführung der neuen Struktur sollen die Effekte der Notdienstreform evaluiert werden.

Ärztekammer hat auch noch ein Wörtchen mitzureden

KV-Chef Dr. Peter Potthoff meint, dass es damit gelingt, die Versorgung sicherzustellen und „bisherige Mängel in unseren Notdienst-Strukturen“ zu beseitigen.

 
Der Beschluss der VV ist Ergebnis eines mehrjährigen kontrovers geführten Diskussionsprozesses. Der Hausärzteverband hatte die Pläne als „Kahlschlag“ bezeichnet. Die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen zeigte sich „entsetzt“. Noch sind die Änderungen nicht in Kraft. Die Notfalldienstordnung kann nur gemeinsam mit der Ärztekammer Nord­rhein geändert werden. Und Widerstand gibt es auch von Kommunalpolitikern.

thinkstock