Landarztmangel? Franchise-, Zuschuss- oder Fahrschul-Praxis!

Gesundheitspolitik Autor: Jost Küpper

Irisblende

Das Thema Land­ärztemangel ist mittlerweile auch beim letzten Gesundheitspolitiker angekommen. Die KV Baden-Württemberg ist schon weiter, sie bastelt seit Anfang 2011 an praktischen Lösungen: den „Regiopraxen“.

Die drei Grundtypen der KV lauten Franchising-, Beteiligungs- und Betreiber-Modell. Die ersten beiden Ansätze sind grundsätzlich als Freiberuflervarianten ausgelegt, beim dritten Konzept geht es zumindest in der Startphase um einen angestellten Arzt. Die Modelle Nr. 1 und 2 können als Einzelpraxis oder ko­operativ (BAG oder MVZ) betrieben werden. Modell Nr. 3 kennt nur die Einzelpraxis. In allen Fällen bildet eine subtile Vor-Ort-Kenntnis die Basis des KV-Engagements

1. Franchising: Diese Variante zielt auf zugelassene oder künftig zuge­lassene Vertragsärzte ab. Die KVBW übernimmt hier nur eine Moderatorenrolle bei der Praxisgründung. Sie fungiert als Ideengeber, Organisator und ggf. Mediator zwischen den beteiligten Ärzten. An sich läuft es wie bei McDonalds oder Burger King: Die KV ist Franchisegeber, der Arzt Franchisenehmer. Der Unterschied: Es fallen keine Franchisegebühren für Konzepte, Beratungen und Dienstleistungen der KV an.

Allerdings muss sich der Franchisenehmer zur Einhaltung eines Hausarzt-Kodex verpflichten, der den Praxisbetrieb stark vorprägt. Die Regiopraxis wird auf den jeweiligen Bedarf zurechtgeschnitten. Die Ärzte müssen definierte Kriterien für die Sicherstellung erfüllen. Dabei arbeiten sie auf eigene Kappe: KV-eigene Mittel, z.B. zur Finanzierung der Praxisgründung, gibt es nicht.



Der Hausarzt-Kodex für die Regiopraxen

Auszug aus der Kodextabelle mit „Strukturvoraussetzungen z.T. in Anlehnung an den Hausarztvertrag“ für Regiopraxen:

Teilnahmebedingungen für Ärzte: evidenzbasierte Leitlinien­medizin, Erwerb der Weiterbildungsbefähigung Allgemeinmedizin.

Räumliche Ausstattung: Integration fachärztlicher Nebenbetriebsstätten – sofern für die Versorgung notwendig, barrierefreier Praxiszugang (Mindestanforderung)

Service für Versicherte:
    • eine Abendsprechstunde pro Woche bis 20 Uhr
    • Prüfung und Entscheidung, ob vor stationärer Einweisung ein Facharzt einzuschalten ist
    • Teilnahme am organisierten Notfalldienst

Verordnungsweise und Verordnungsmanagement:
    • rationale Pharmakotherapie
    • Teilnahme an der Pharmakotherapieberatung der KVBW
    • Angebot von Compliance- und Reminderaufgaben (Case-Management)

Medizinisch-apparative Mindestausstattung: Sonographiegerät


2. Beteiligungs-Modell:
In den strukturellen Grundzügen ähnlich wie das Franchising-Modell. Anders ist: Die KV liefert vertragliche Grundlagen, es gibt Geld aus ihrem Haushalt. Diese Variante wird zum Tragen kommen, wo eine selbstständige Regiopraxis finanziell nicht überleben kann. Eine KV-Förderung oder Zuschüsse sind möglich für: Gründung, Räume/Immobilien, Praxiseinrichtung (Mobiliar, IT, Medizingeräte und Technik) sowie Personal (Arzthelferin, arztentlastendes Personal, angestellte Ärzte).

3. Betreiber-Modell: Hier geht es dar­um, eine Praxis zu installieren, wo sonst nichts mehr geht. Die KV ist Gründer und Betreiber der Praxis, diese wird per KV-Haushalt finanziert. Der angestellte Arzt wird auf eine spätere Übernahme der Praxis vorbereitet. Die KV spricht von einer „Niederlassungsfahrschule“. Der angestellte Arzt verpflichtet sich im Arbeitsvertrag zur Einhaltung des Kodex. Sein Leistungsspektrum wird über Zulassung und den Arbeitsvertrag definiert. Er ist in medizinischen Fragen nicht weisungsgebunden. Der Arzt erhält ein Gehalt von der KV, wobei an ein Grundgehalt und variable Bestandteile gedacht wird.

Für die letzten beiden Varianten gibt es noch eine Hürde: In der KV-Vertreterversammlung am 8. Februar wird ein Beschluss über einen Sonderhaushalt erwartet. Möglicherweise kommt auch die Standortfrage aufs Tapet. Ansagen von KV-Vize Dr. Johannes Fechner liegen für zwei Problemfälle vor: Bad Schussenried bei Biberach an der Riß und Elzach im Schwarzwald nordöstlich von Freiburg sollen Pilotprojekte bekommen.