Mach's dir selbst: Legalisierung von HIV-Heimtests in Sichtweite

Gesundheitspolitik Autor: Anouschka Wasner

Für den HIV-Schnelltest wird wie bei Blutzuckertests ein Blutstropfen aus der Fingerkuppe benötigt. © Fotolia/Africa Studio

Voraussichtlich ab Herbst werden in Deutschland HIV-Selbsttests erhältlich sein. Die dafür notwendige Änderung der Medizinprodukteabgabeverordnung hat Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigt.

Früh diagnostiziert und behandelt, werden HIV-Infizierte heute im Schnitt fast genauso alt wie Nicht-Infizierte.1 Doch immer noch leben in Deutschland nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts rund 12 700 Menschen unwissentlich mit HIV. Von den 3700 HIV-Dia­gnosen im Jahr 2016 erfolgten 1100 erst, als bereits eine Aids-Erkrankung oder ein schwerer Immundefekt aufgetreten war. „Um Spätdiagnosen zu vermeiden, brauchen wir möglichst vielfältige, passgenaue Testmöglichkeiten für verschiedene Zielgruppen. Der Selbsttest kann dabei ein wichtiger zusätzlicher Baustein werden“, sagt Sylvia Urban von der Deutschen AIDS-Hilfe.

Der HIV-Selbsttest

  • Die Kosten für den Test liegen zwischen 20 und 50 Euro. Empfohlen werden Produkte, die das CE-Prüfzeichen der Europäischen Union haben, für Laien konzipiert und in Europa zugelassen sind.
  • Von der AIDS-Hilfe wird aktuell in diesem Zusammenhang der französische „Autotest VIH“ genannt, der mit deutscher Anleitung erhältlich ist, sowie der ebenfalls aus Frankreich stammendem Exacto-Schnelltest. In den Niederlanden ist außerdem noch der INSTI HIV SELF TEST in Apotheken erhältlich. Er sei nicht ganz so einfach anzuwenden wie der französische, so die Auskunft der AIDS-Hilfe, aber auch zuverlässig und zudem sehr schnell: Das Ergebnis liege nach 1 Minute vor, während die französischen Tests etwa 15 Minuten benötigen.
  • Die deutsche AIDS-Hilfe empfiehlt schwulen Männern ggf. einen jährlichen Routine-Check, da sie statistisch ein höheres Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren.

Doch ob aus Angst vor Ablehnung, aus Schamgefühl, aufgrund von Verdrängung oder weil die nächste anonyme Testmöglichkeit weit entfernt ist: Bei manchen Patienten dauert es viel zu lange, bis sie sich überhaupt testen lassen. Die Möglichkeit, den HIV-Test in der Apotheke, der Drogerie oder im Online-Handel kaufen und zu Hause durchzuführen, soll motivieren, sich früher bzw. häufiger auf HIV zu testen, so die Hoffnung der Deutschen AIDS-Hilfe. Zumal es unter Umständen sinnvoll sein könne, als Betroffener erst mal anonym zu bleiben. Denn ein beim Arzt durchgeführter Test wird bei der Krankenkasse „aktenkundig“ – auch wenn das Ergebnis des Tests nicht übermittelt wird, könne allein die Durchführung bereits Konsequenzen für spätere Versicherungsabschlüsse mit sich bringen.

Schnelltests haben längeres diagnostisches Fenster

HIV-Selbsttests liefern das Ergebnis in etwa 30 Minuten nach der Blutabnahme. Sie können allerdings nur Antikörper nachweisen und kein HIV-Antigen. Daher gilt bei solchen Schnelltests auch ein längeres diagnostisches Fenster: Das Ergebnis zeigt, ob der Patient 12 Wochen vor dem Test infiziert war oder nicht. Über das Ergebnis eines Labortests hingegen erfährt der Betroffene, ob er sechs Wochen zuvor infiziert war. Ist das Ergebnis eines Schnelltests positiv, rät die AIDS-Hilfe den Betroffenen, sich nach zwei bis fünf Tagen das Ergebnis durch einen weiteren Test beim Arzt, im Gesundheitsamt oder bei einem Checkpoint der AIDS-Hilfe bestätigen zu lassen, da falsch positive Ergebnisse nicht ganz auszuschließen seien. Hier könne dann auch weitere Beratung erfolgen.

Hausärzten, die diagnostische Maßnahmen wie den HIV-Kombinationstest oder einen direkten Virusnachweis (z.B. bei Verdacht auf eine akute HIV-Infektion) außerhalb des üblichen Laborbudgets abrechnen wollen, empfiehlt der Verband, die EBM-Ziffer 32006 anzusetzen.

Infos zu Symptomen, Abrechnung und Testverfahren

Darüber hinaus informiert die AIDS-Hilfe in einem 12-seitigen Heftchen, mit dem Hausärzte bei der Früherkennung einer HIV-Infektion unterstützt werden sollen, über die Symptome frischer und verschleppter HIV-Infektionen, gibt Hilfestellungen zur Gesprächsführung vor dem Test bzw. bei positivem Ergebnis und erklärt unterschiedliche Testverfahren.

1 Lancet HIV: The Antiretroviral Cohort Collaboration, 2017