Mancher Patient braucht zehn Hausärzte

Gesundheitspolitik Autor: Michael Reischmann

Innerhalb eines Quartals stellt sich ein 44-Jähriger in Hanau an 17 Behandlungstagen bei 13 verschiedenen Hausärzten vor. Eine 63-Jährige konsultiert an 13 Tagen sieben Orthopäden, ein 42-Jähriger an sechs Tagen fünf Dermatologen. Drei Beispiele, die die KV Hessen zu den Themen Zweitmeinungsverfahren und Termingarantie beisteuert.

Für jedes Quartal von II/2013 bis I/2014 hat die KV Hessen ermittelt, wie viele Versicherte mehrere Ärzte einer Fachgruppe aufgesucht haben. Dabei blieben berechtigte Mehrfachkontakte, z.B. wegen Urlaubsvertretungen, Auftragsüberweisungen oder Notfallbehandlungen, ebenso unberücksichtigt wie die Inanspuchnahme fachgleicher Ärzte innerhalb einer Berufsausübungsgemeinschaft oder eines MVZ.

Die Zahlen der KV sind frappierend. Jedes Quartal suchen zwischen 265 000 und 290 000 Hessen zwei Hausärzte auf. Bis zu 20 000 Versicherte stellen sich bei drei Haus­ärzten vor. Ungefähr 1500 benötigen vier Hausärzte. 220 konsultieren fünf Hausärzte. 130 kommen bei sechs bis zehn Hausärzten dran. Und ein bis zwei Dutzend Versicherte schaffen es tatsächlich, innerhalb eines Quartals bei mehr als zehn Hausärzten vorzusprechen. Darunter der 44-Jährige, der in Hanau 13 Hausärzte aufsuchte wegen einer nicht näher bezeichneten Gastroenteritis und Kolitis bzw. essenzieller Hypertonie n.n.b. – so einige der Diagnosen.

Großer Terminbedarf für Zweit- und Drittmeinungen

Im ersten Quartal 2014 wurden folglich von rund 311 000 Versicherten 336 000 zusätzliche Behandlungsfälle ausgelöst. Das entspricht ungefähr der Kapazität von 300 Hausarzteinzelpraxen mit durchschnittlich 1000 Fällen pro Quartal, rechnet KV-Vorstandschef Frank Dastych vor.

Einen deutlichen Bezug zur aktuellen politischen Diskussion um lange Wartezeiten und eine künftige Termingarantie liefert auch der Blick auf die Statistik für Fachärzte. Denn in I/2014 gab es knapp 15 000 Versicherte in Hessen, die mehrere Augenärzte aufsuchten, darunter 424 mehr als zwei Augenärzte. Gut 24 000 Versicherte gingen zu mehreren Gynäkologen (1100 zu mehr als zweien). 6400 Versicherte schafften es, sich bei mehreren Dermatologen vorzustellen (rd. 170 bei drei und mehr Hautärzten). 10 500 Versicherte konsultierten mehrere HNO-Ärzte (540 mehr als zwei). Und rund 15 000 Versicherte kamen bei mehreren Orthopäden dran (knapp 600 bei drei und mehr). Hier klappt offenbar das Einholen von Zweit- und Drittmeinungen schon recht gut.

Entsprechend entspannt kommentiert die Landesvertretung Hessen der Techniker Krankenkasse (TK) solche Zahlen. Grundsätzlich sehe man es nicht als kritisch an, wenn Versicherte mehrere Fachärzte aus einer Facharztgruppe pro Quartal aufsuchten, heißt es auf MT-Anfrage. Denn für die Betroffenen könne es durchaus nachvollziehbare Gründe geben. Beispielsweise könnten Patienten zusätzlich zu ihrem „normalen“ Hausarzt einen weiteren Hausarzt aufsuchen, der Homöopathie anbietet, und noch eine hausärztliche Praxis mit diabetologischem Schwerpunkt. Sofern ein TK-Versicherter mehr als drei Fachärzte einer Fachgruppe pro Quartal aufsuche, könne es sich dabei nur um einen „Ausreißer“ handeln.

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