Medizinerlatein: Studenten übersetzen für Patienten

Gesundheitspolitik Autor: Petra Spielberg

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Wie lässt sich Medizinerlatein für Patienten verständlich machen? Auf www.washabich.de können Patienten ihre Befunde übersetzen lassen.

Patienten, die beim Durchlesen ihrer Befunde nur Bahnhof verstehen, können sich von einem kostenlosen Internetdienst die ärztliche Fachsprache in verständliches Deutsch übersetzen lassen.


Die pfiffige Idee boomt inzwischen so sehr, dass die Anbieter händeringend bei Medizinstudenten und Ärzten nach Unterstützung suchen. „In der flüssigkeitssensitiven Sequenz Nachweis eines ausgeprägten Knochenmarködems an der ventralen Zirkumferenz des Humeruskopfes.“ Befunde wie dieser, die sich für Ärzte ohne Weiteres erschließen, stellen für viele Patienten nur ein unverständliches Kauderwelsch dar.

Bereits über 500 „Übersetzer“ beschäftigt

Das brachte die Medizinstudenten Anja Kersten und Johannes Bittner aus Dresden sowie den Trierer Informatiker Ansgar Jonietz Mitte Januar 2011 auf die Idee, einen Internetdienst zu gründen, der ärztliche Befunde in eine für Laien verständliche Sprache übersetzt.


Das Portal mit der Bezeichnung „Was hab ich?“ (www.washabich.de) schlug ein wie eine Bombe. Nach nur wenigen Stunden standen die ersten Anfragen im Netz. Und schon bald kamen die beiden Medizinstudenten mit dem Übersetzen nicht mehr nach.

150 Befunde und Entlassungsbriefe pro Woche

Heute, 14 Monate nach Gründung des Portals, wirken bereits 409 Medizinstudenten, 90 Assistenz- und Fachärzte sowie zwei Diplompsychologen ehrenamtlich an dem Dienst mit. Und selbst das seien noch zu wenig, sagt Bittner, um die Vielzahl an Anfragen – rund 150 Befunde und Entlassungsbriefe pro Woche – zeitnah abarbeiten zu können.


Seit dem 15. Januar 2011 hat der Dienst schon über 5500 Befunde übersetzt. Die meisten Anfragen betreffen Texte aus der Inneren Medizin, Orthopädie und Radiologie. Das Team ist daher ständig auf der Suche nach neuen Freiwilligen. Bittner schwebt vor, den Übersetzerpool auf bis zu 2000 Studenten aufzustocken.

Mediziner ab dem 8. Fachsemester dürfen übersetzen

Teilnehmen dürfen Human- und Zahnmediziner ab dem 8. Fachsemester. Bedarf besteht zudem an Konsiliarärzten für die Fachgebiete Augenheilkunde, Neurologie, Orthopädie, Pathologie und Radiologie.


In Einzelfällen gibt es für das Team auch mal etwas zu lachen. „Ziemlich zu Beginn unserer Tätigkeit erhielten wir einen Befund, indem es um einen Bandscheibenvorfall bei einer Zwölfjährigen ging“, berichtet Bittner. Das sei dem Übersetzer natürlich komisch vorgekommen. „Später stellte sich heraus, dass es sich um eine zwölf Jahre alte Hündin gehandelt hat.“

Auch die Mediziner profitieren vom Übersetzen

Luise Bergner, die an der Technischen Universität Dresden im 9. Semester Medizin studiert, ist vor rund zehn Monaten auf den Dienst aufmerksam geworden. „Ich habe im Krankenhaus, in dem ich gearbeitet habe, von ,Was hab ich?‘ erfahren und mich daraufhin gleich dort beworben“, berichtet die angehende Ärztin.


Sie sei anfangs erstaunt gewesen, wie aufwendig die Recherche für die Übersetzungen sei, habe aber schnell erkannt, wie sehr sie selbst von der Arbeit profitieren kann. „Ich habe zum Beispiel die komplette Anatomie wiederholt“, sagt sie. Inzwischen gehen ihr die Übersetzungen recht zügig von der Hand.

www.washabich?.de: Die Befunde werden anonym hochgeladen

Der Arbeitsaufwand beträgt je nach Länge des Befundes zwischen einer halben bis zu mehreren Stunden. Für die Patienten ist der Dienst kostenlos. Viele bedanken sich aber mit einer Spende beim Portal. Den Service in Anspruch nehmen können Patienten, indem sie ihren gescannten oder fotografierten Befund anonym hochladen bzw. per Fax einsenden.


Erforderlich sind zudem die Angabe des Geburtsjahrs sowie des Geschlechts. Die Beantwortung erfolgt innerhalb weniger Stunden oder Tage per E-Mail. Der Patient kann die Übersetzung passwortgeschützt abrufen. Franca Schwarz, die derzeit eine Weiterbildung zur Allgemeinärztin durchläuft, hat durch das Übersetzen gelernt, mehr auf ihre Sprache in der Kommunikation mit den Patienten zu achten.

Auch pensionierte Ärzte, junge Mütter und aktive Ärzte unterstützen das Team

Inzwischen arbeitet sie für „Was hab ich?“ als Supervisor. Das heißt, sie weist neue Studenten in die Arbeit ein und überwacht deren erste Befundübersetzungen. Mindestens fünf Befunde müssen neue hinzukommende Mediziner unter Aufsicht bearbeiten, bevor sie selbstständig arbeiten dürfen. Bei schwierigen und komplexen Texten steht ihnen das Ärzteteam rund um die Uhr beratend zur Seite.


Unter den Ärzten finden sich nach Aussage von Bittner zahlreiche pensionierte Kollegen, aber auch junge Mütter, die vor dem Wiedereinstieg in den Beruf stehen, sowie aktiv tätige Ärzte. Den engen fachlichen Austausch untereinander im Rahmen des Online-Netzwerks empfindet Schwarz als eine zusätzliche Bereicherung des Dienstes für ihre eigene Berufsausübung. Wichtig ist den Anbietern von www.washabich.de, dass ihr Dienst einen Arztbesuch keinesfalls ersetzen kann und soll.

Reine Aufklärungsarbeit, keine Therapieempfehlung!

Selbstverständlich würden auch keine Therapieempfehlungen ausgesprochen, betont Bittner. „Unser Angebot dient ausschließlich der Aufklärung und Information, da den meisten Ärzten im Arbeitsalltag die Zeit für ein ausführliches Gespräch mit den Patienten fehlt und viele Patienten beim Arztbesuch zu gehemmt sind, um gezielt nachzufragen.“