Medizintourismus: Die Suche nach dem spendablen Scheich

Interview Autor: Cornelia Kolbeck

12 % der Medizintouristen in Deutschland kommen aus dem arabischsprachigen Raum. Rechts: Jens Juszczak von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. © Fotolia/Elnur, privat

Jens Juszczak betreut im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg seit über 15 Jahren die Forschung zu Medizintourismus. Im Gespräch mit Medical Tribune erklärt er, für wen sich Auslandspatienten lohnen und welche Fallstricke lauern können.

Herr Juszczak, was ist eigentlich Medizintourismus?
Jens Juszczak:
Wir sehen den internationalen Medizintourismus als Unterbereich des Gesundheits-tourismus. Dieser bezeichnet eine vorübergehende Ortsveränderung ins Ausland zum Zweck einer in der Regel geplanten medizinischen Behandlung, die kurativ, kosmetisch-operativ oder präventiv orientiert sein kann. Die in Anspruch genommenen Leistungen werden durch den Patienten selbst oder durch Kos­tenträger bezahlt.

Was überwiegt: die Zahl Deutscher, die zur Behandlung ins Ausland reisen, oder die Zahl der Ausländer, die dafür zu uns kommen?
Juszczak:
Mehrere Hunderttausend Deutsche lassen sich jedes Jahr – meist ambulant – im Ausland behandeln. Deutlich geringer ist die Zahl der Behandlungen von Ausländern in Deutschland. Sie liegt stationär bei etwa 101 000 und ambulant bei ungefähr 151 000 Patienten. Die reinen Fallzahlen sagen aber nicht viel aus. Interessant wird die Betrachtung nach Umsatzerlösen. Die Gelder, die für Zahnbehandlungen, Augenoperationen oder plastisch-chirugische Eingriffe ins Ausland fließen, sind deutlich geringer als die Erlöse, die mit der Behandlung von Ausländern erzielt werden. Die nachgefragten Leistungen, etwa bei Krebs- oder Herzerkrankungen, sind oft komplex und teuer. Erlöstechnisch ist somit Deutschland auf der Gewinnerseite. Vorsichtig geschätzt bringen Medizintouristen jährlich 1,2 Milliarden Euro nur für medizinische Dienstleistungen ins Land. Hinzu kommen noch Einnahmen aus Tourismus oder Einzelhandel.

Woher kommen Medizintouristen?
Juszczak:
2016 – wir haben hier nur die stationären Angaben – kamen Patienten aus 181 Ländern nach Deutschland. 44 % waren Bürger aus Nachbarstaaten. Rund 10 % reisten aus den Nachfolgestaaten der Sow­jetunion an, vorwiegend aus Russ-land, 12 % aus arabischsprachigen Staaten und hier vor allem aus den Golfstaaten.

Es handelt sich dabei aber nicht nur um Privatzahler, sondern auch um Personen, bei denen Krankenversicherungen oder staatliche Einrichtungen im Heimatland die Behandlungskosten übernehmen.

Welche Leistungen stehen denn besonders im Fokus?
Juszczak:
Die Nachfrage im Allgemeinen ist ähnlich der in Deutschland. Differenziert nach Ländern zeigt sich jedoch, dass Patienten aus dem russischsprachigen Raum vielfach kardiologische Leistungen wünschen sowie eine onkologische Versorgung. Im arabischen Raum besteht Interesse an der Behandlung von Diabetes-Typ-2, Kindermedizin und Onkologie. Bürger aus China fragen oft Behandlungen von Lungenerkrankungen nach. Holländer und Briten wünschen orthopädische Eingriffe oder Augenoperationen, weil die Wartezeiten darauf im eigenen Land sehr lang sind. Patienten aus Skandinavien nutzen oft die hiesige Medizintechnik, insbesondere für Radiologie und Nuklearmedizin, weil diese in den Heimatländern nicht flächendeckend vorhanden ist.

Gibt es bevorzugte Reiseziele?
Juszczak
: Marktführer sind Bay­ern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Über 60 % aller Auslandspatienten lassen sich in diesen Bundesländern behandeln. Zum Shootingstar hat sich in den letzten 15 Jahren Berlin entwickelt, wohl auch wegen des Hauptstadtbonus.

Und wie sieht es bei den Magneten unter den Einrichtungen aus?
Juszczak:
Es wird sehr viel Universitätsmedizin nachgefragt. Bei arabischen Patienten stehen dabei große Namen unter Chefärzten hoch im Kurs, chinesische Patienten präferieren neueste medizinische Geräte. Aber auch das Leistungsspektrum großer städtischer Kliniken ist für Auslandspatienten interessant. Im Rehabereich sind vor allem große Privatkliniken beliebt. Die niedergelassenen Ärzte profitieren oft von den Mitreisenden, die sich die Nase korrigieren, die Zähne richten oder die Augen lasern lassen.

Ist auch der deutsche Hausarzt bei ausländischen Gästen gefragt?
Juszczak:
Praxen oder Medizinische Versorgungszentren werden von internationalen Patienten beispielsweise zu Vorsorgeuntersuchungen und Check-ups aufgesucht. Für viele Patienten ist das der Einstieg in den Medizintourismus und die größeren Kliniken sind bei diesen Leistungen in der Regel wenig flexibel und schlecht organisiert. Hausärzte werden aber eher selten einbezogen.

Wie kommt eine Gemeinschafts­praxis an Medizintouristen ran?
Juszczak:
Zuerst einmal brauchen die Ärzte ein strategisches Konzept, welche Ländermärkte erschlossen werden sollen. Zu betrachten sind hierbei die finanziellen, logistischen und personellen Möglichkeiten. Wichtig sind aber auch Standortbewertungen: Liegt die Praxis in Flughafennähe, gibt es geeignete Hotel- und Freizeitangebote, sind medizinische Dolmetscher verfügbar? Der Aufenthalt eines Patienten muss ebenfalls gut geplant werden. Gerade arabische Patienten sind anlässlich einer Behandlung gern in den Sommermonaten wochenlang vor Ort. Man sollte sich anfangs auf maximal ein bis zwei Märkte konzentrieren, denn Werbung ist oft sehr teuer. Eine Webseite in Landessprache ist Pflicht und im Ausland vermarktet werden muss das Angebot auch. Und dann muss man überlegen, wer oder was beim Vertrieb helfen kann: Messen, Social-media-Plattformen, Kontakte zu Botschaften und Versicherungen, professionelle Patientendienstleister.

Aber finanziell rechnet es sich, wenn der spendable Scheich auf dem Operationstisch liegt? Juszczak: Der Scheich zahlt wie jeder andere, denn DRG und GOÄ gelten für alle Patienten gleich. Ausländische Privatpatienten bringen somit in der Behandlung nicht mehr Geld ein als deutsche. Sie bringen eventuell sogar weniger, weil der Aufwand für die Betreuung meist höher ist und dieser Mehraufwand nicht ohne Weiteres in Rechnung gestellt werden kann. Eventuell lassen sich über nicht-medizinische Dienstleistungen zusätzliche Einnahmen generieren.

Welche können das sein?
Juszczak:
Das können zusätzliche Zimmer und Verpflegung für Begleitpersonen sein oder die Versorgung mit heimatlichen Medien und Essen. Unter Umständen sind das aber umsatzsteuerpflichtige Leistungen. Der Vorteil bei der Behandlung internationaler Patienten liegt eher darin, dass die Einnahmen extrabudgetär sind. Millionen an zusätzlichen Erlösen bringt der Medizintourismus gerade in kleineren medizinischen Einrichtungen aber nicht – zumindest nicht, wenn man sich an Recht und Gesetz in Deutschland hält.

Das macht jetzt aber neugierig. Es gibt also schwarze Schafe?
Juszczak:
Auf beiden Seiten. Es gibt Beispiele, wo externe Dienstleister Provisionen für die Zuweisung internationaler Patienten verlangen und zugleich Kliniken sowie Botschaften für ein und dieselbe Leistung von ihnen zur Kasse gebeten werden. Aber auch Kliniken und Praxen arbeiten nicht immer korrekt. Insbesondere bei der Abrechnung der erbrachten Leistungen werden die DRG oder der Landesbasisfallwert erhöht, die Sätze der wahlärztlichen Leistungen über das 3,5-fache gesteigert, die Minderung nach § 6a GOÄ vergessen, Leistungen doppelt abgerechnet oder nicht – wie in der Wahlleistungsvereinbarung aufgeführt – vom Chefarzt erbracht. Unzulässig sind auch Pauschalen für eigens kombinierte Leistungen aus Betreuung und Behandlung sowie Serviceleistungen.

Gibt es aktuelle Fehlbeispiele?
Juszczak:
In den vergangenen Jahren und Monaten ist immer mehr davon ans Licht gekommen. Anzuführen wären die höhere Abrechnung der Behandlung von libyschen Kriegsversehrten, die dubiosen Geschäfte der Internationalen Unit des Stuttgarter Klinikums oder das Verschwinden von Hunderten Millionen Euro bei der Behandlung kuwaitischer Botschaftspatienten. Medien in Kuwait sprechen gar vom „größten Betrug aller Zeiten“ und eine vom Staat eingesetzte Untersuchungskommission prüft Verträge und Rechnungen von Kliniken und Dienstleistern. Der Umfang der Skandale und deren Auswirkungen auf den Medizintourismus nach Deutschland sind derzeit nicht abschätzbar. Bereits jetzt sind einige arabischen Staaten vorsichtiger, lassen Rechnungen von Dritten prüfen, bestehen auf stärkere Kontrollen und Zertifizierungen, untersagen die Zusammenarbeit mit bestimmten Dienstleistern oder denken sogar darüber nach, künftig keine Patienten mehr nach Deutschland zu schic­ken.