Mit Alkoholabhängigen Gespräche über die Sucht führen

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

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Für Hausärzte ist es oft schwierig, mit alkoholabhängigen Patienten über ihre Sucht ins Gespräch zu kommen, berichtete Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes.

70 % der Alkoholkranken gehen mindestens einmal pro Jahr zu einem Hausarzt, die Sucht steht aber dabei selten im Mittelpunkt, so Weigeldt weiter.

Dabei gibt es durchaus Anzeichen, die es dem Arzt ermöglichen, mit dem Patienten über eine mögliche Sucht ins Gespräch zu kommen – von auffälligen Laborwerten und Hautveränderungen bis zum eindeutigen Geruch. Alkoholismus wird vom Patienten bagatellisiert, negiert, die Sorge vor Verlust von Arbeitsplatz und Führerschein ist groß.

"Ein Vorgehen nach Schema F gibt es deshalb nicht", sagte Weigeldt zum therapeutischen Einstieg. Auch starker Druck helfe nicht, da wi­chen Patienten nur aus: "Da sind sie weg und kommen nie wieder." Der Hausarzt weiß, wie schwierig es ist, mit alkoholabhängigen Patienten ins Gespräch zu kommen.

"Es fehlen klare Leitlinien und Behandlungskonzepte"

Kritisch sieht Weigeldt auch, wenn Patienten nach einem Entzug wieder ins gewohnte Umfeld zurückkehren. Er hält deshalb – und weil die Familie in eine Therapie integriert werden sollte – die Einbeziehung einer Selbsthilfegruppe für den besten Weg, um mit einem längerfristigen Therapiekonzept erfolgreich zu sein.

Professor Dr. Joachim Kugler, Medizinische Fakultät der TU Dresden, berichtete über eine Umfrage unter Haus- und Fachärzten in Sachsen und Rheinland-Pfalz. Er bestätigte die Schwierigkeiten der Mediziner, einen Patienten auf sein Alkoholproblem hin anzusprechen.

Prof. Kugler hält es deshalb für überlegenswert, Vorsorgeprogramme wie den "Check-up 35" um ein Alkoholscreening zu erweitern, um so die Legitimation für Nachfragen zu stärken und das initiale Gespräch zu erleichtern. Die überwiegende Mehrheit der Befragten (87 % der Hausärzte und 78 % der Fachärzte) hält dies ebenfalls für wichtig.

In der Umfrage "Versorgung von Patienten mit Alkoholproblemen im niedergelassenen Setting" schätzten 87 % der Hausärzte das Thema "Alkoholabhängigkeit" für die eigene Praxis als eher wichtig bis sehr wichtig ein.

Zu wenig Zeit, um sich diesen Patienten ausgiebig zu widmen

Doch nur eine Minderheit sieht sich "adäquat trainiert und ausgebildet, mit diesen Patienten zu arbeiten" (43 % bei Risikotrinkern, 34 % bei Alkoholabhängigen). Zwei von drei Hausärzten haben "zu wenig Zeit, sich diesen Patienten ausgiebig zu widmen". Jeder zweite gab "fehlende klare Leitlinien und Behandlungskonzepte" als Barriere für eine frühzeitige Therapie an.

Regelmäßige Fortbildung in Sachen Sucht und motivierende Gesprächsführung halten 89 % der befragten Hausärzte für wichtig. Tatsächlich behandelten Hausärzte mit einer Fortbildungszeit von vier und mehr Stunden im Jahr 2012 sowohl mehr Fälle der ICD-10-Kennziffer F10.1 als auch mehr Fälle der Kennziffer F10.2 als Hausärzte mit einer Fortbildungszeit von weniger als vier Stunden.

Gesellschaftliches Ziel: Alkoholkonsum reduzieren!

Dr. Rainer Hess sprach für die politische Plattform "gesundheitsziele.de", der 120 Organisationen des Gesundheitswesens angehören, darunter Kostenträger, Leistungserbringer, Selbsthilfe- und Patientenorganisa­tionen, Wissenschaft und Forschung.

Das Forum wird die Reduktion des Alkoholkonsums als achtes Gesundheitsziel formulieren und Empfehlungen an die Politik sowie andere Akteure aussprechen.

Dr. Hess machte deutlich, dass es früher Prävention bedarf, um den Alkoholkonsum einzuschränken. Bereits die Schulen seien einzubeziehen. Und es "muss auch von allen Kassen mitgetragen werden, sonst werden wir keinen Erfolg haben".

Professor Dr. Herbert Rebscher, Vorstandschef der DAK-Gesundheit, sprach sich dafür aus, in einem Präventionsgesetz die Verbindlichkeit für alle Akteure festzuschreiben.

Es gebe auch "erheblichen Spielraum für die Erweiterung der Regelversorgung". Selektivverträge hätten dabei die Funktion von Suchprozessen zur Verbesserung des Kollektivvertrags. Man brauche aber einen langen Atem.